STUDIE

In Kürze

In Kürze

  • Investitionen in 6 Schlüsselfaktoren für Wachstum und Innovation sind für die chemische Industrie Herausforderung und bahnbrechende Chance zugleich.
  • Weltweite Anstrengungen zur Reduktion von Treibhausgasemissionen führen zu höherer Nachfrage bei einer Reihe von neuen chemischen Produkten.
  • Die chemische Industrie tendiert jedoch dazu, bereits existierende Produkte und Prozesse noch weiter zu verbessern, statt Innovationen zu entwickeln.
  • Die Chemieindustrie muss grundlegend etwas an der Art verändern, wie sie Innovation vorantreibt, um Wachstumschancen der Zukunft nutzen zu können.


Die Chemieindustrie befindet sich an einem Wendepunkt. Vielfältige Möglichkeiten, von Aufträgen zu Treibhausgasreduktionen bis zu elektrischen Fahrzeugen, 3D-Druck und sich ändernde Bedürfnisse bei Endverbrauchern, kurbeln die Nachfrage nach neuen chemischen Produkten an.

Die sich ändernde Nachfrage macht Innovation wichtiger denn je. Die Frage ist, ob Chemieunternehmen bereit sind, diese Chance zu ergreifen. Die Antwort hängt von der Perspektive des Betrachters und dem Zeitrahmen ab. Es scheint jedoch klar zu sein, dass sich die chemische Industrie an einem Wendepunkt befindet, an dem der Bedarf an disruptiver Innovation enorm steigt – sodass es nicht ausreichen wird, die Dinge wie gehabt weiterzuführen.

Um dieser Frage detailliert nachzugehen und relevante Erkenntnisse für chemische Unternehmen zu erhalten, hat Accenture Investitionen über die folgenden 6 Schlüsselfaktoren in Bezug auf Wachstum und Innovation hinweg analysiert:

Patente

Start-ups

Corporate Venturing

Partnerschaften

Mergers and Acquisitions

Investitionsvorhaben

Alle anzeigen

Die Analyse-Ergebnisse weisen auf die Notwendigkeit hin, dass die Industrie ihren Fokus von traditionellen Herangehensweisen hin zu einem neu gestalteten Ansatz verschieben muss, um bahnbrechende Innovationen schnell und beständig liefern zu können.

Die 6 Schlüsselfaktoren

Patente
Patentanmeldungen fallen in drei Kategorien: Materialien, Anwendungen und Prozesse. Die Zahl der materialbezogenen Patente war am höchsten. Viele dieser Patente decken schrittweise Verbesserungen von bereits existierenden Materialien ab – eher als neue Materialien – und der Fokus liegt auf der Verbesserung von Leistungsmerkmalen wie Flexibilität, Strapazierfähigkeit, Elektrolumineszenz und chemische Resistenz. Indessen war die Zahl der Referenzen zu Patenten im Bereich Prozesse relativ klein. Dies könnte teilweise mit dem Bestreben zusammenhängen, Innovationen im Prozessbereich nicht bekannt machen zu wollen, deutet allerdings auch darauf hin, dass in der Industrie nicht genug in Kernprozesse investiert wird, die benötigt werden, um den CO2-Fußabdruck zu verringern und der wachsenden Nachfrage nach nachhaltigeren Produkten gerecht zu werden.

Start-ups
Die größten finanziellen Investitionen wurden in den vergangenen Jahren in die Start-ups getätigt, die sich mit den wichtigsten Innovationsbereichen der Chemieindustrie beschäftigen. Dazu zählen Baumaterialien, Abfallwirtschaft, generative Fertigung und Machine Learning (ML), die insgesamt etwa 30 % der Gesamtinvestitionen in Start-ups in den vergangenen Jahren ausmachten. Weitere 20 % der Investitionen verteilten sich auf digitale Lösungen wie KI/ML, auf die Erforschung von Molekülen und Quantencomputing für Simulationen oder Aktivitäten im Bereich E-Commerce und B2B-Interaktion. Start-ups, die die Reduktion von CO2 und die Kreislaufwirtschaft unterstützen, machten 10 % des Investitionsanteils aus.

Abbildung 1: Signifikanter Anstieg an Start-ups im Bereich Chemie

Zum Vergrößern bitte anklicken

Corporate Venturing
Viele der Corporate-Venturing-Aktivitäten sind nach wie vor auf bereits existierende Produktgruppen wie Agrochemikalien, Farben und Lacke sowie Nahrungsmittelbestandteile fokussiert. Unternehmen scheinen Corporate Venturing eher als eine Erweiterung ihrer innerbetrieblichen Forschung und Entwicklung zu betrachten als eine Möglichkeit, Neuland zu erforschen. Anstatt nach disruptiven Innovationen zu suchen, zielen sie in erster Linie auf Verbesserungen ihrer internen Kapazitäten ab und suchen neue Anwendungen für existierende Moleküle. Bei technologiebezogenen Investitionen gibt es ein anderes Bild, wobei ein Wachstum bei KI, 3D-Druck, Wasserstoff- und Brennstoffzellen sowie Analytik zu beobachten ist – hier sehen Unternehmen vermutlich das Potenzial für Innovation.

Partnerschaften
Während mehr Nähe zum Kunden ein gängiges Credo in der Industrie geworden ist, sind Partnerschaften mit Kunden immer noch weniger häufig als Unternehmenspartnerschaften, bezogen auf den Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Zukünftig werden wachstumsstarke Bereiche wie 3-D-Druck und Produkte und Prozesse der Kreislaufwirtschaft eine enge Zusammenarbeit mit Kunden erfordern. Ein Anstieg der Partnerschaften mit Technologie-Anbietern bietet viel Potenzial. Als anlagenintensive Branche mit hohem Datenaufkommen können Chemie-Unternehmen KI, ML, Analytics, Industry X, Quantencomputing und mehr einsetzen, um Geschäftsabläufe zu verbessern und Daten und Anlagen optimal zu nutzen.

28%

Ein Anstieg um 28 % der bekannt gemachten Partnerschaften seit 2016, wobei Produktionsfirmen überwogen

33%

der Partnerschaften über die vergangenen 5 Jahre bestanden zwischen Chemie-Unternehmen, die häufigste Art an Partnerschaften

26%

der Partnerschaften über die letzten 5 Jahre bestanden zwischen Chemie-Unternehmen und ihren Kunden

Merger and Acquisitions
Mehr als 70 % der Investitionen durch M&A zielten auf bereits existierende Produkte oder Zusatzgeschäfte in bereits abgedeckte Teilbereiche ab. Deutlich weniger (15 %) konzentrierten sich auf neue Märkte und das Erschließen neuer Geschäftsfelder (12 %). In Bezug auf in M&A eingebundene Produkte und Angebote wurden die größten Zuwachsraten bei Chemikalien und Lösungen für Elektronik, Informationstechnologie und Plastikprodukte erzielt. Insgesamt war die Mehrheit der Transaktionen auf Agrochemikalien, „traditionelle“ Spezialchemikalien, Lacke, Klebstoffe, Dichtungsmittel und Tinte fokussiert.

Abbildung 2: M&A zielen eher auf bestehende als auf neue Geschäfte ab

Investitionsvorhaben
Die chemische Industrie hat ihre Investitionssummen in neuere Bereiche wie Batterien, Recycling und Pyrolyse erhöht. Allerdings fließt die Mehrheit der Investitionen (68 %) immer noch in traditionelle Bereiche wie Basischemikalien, chemische Zwischenprodukte, thermoplastische Kunststoffe und Dünger. Manche Unternehmen verlagern Investitionen zu neuen Geschäftsbereichen, die mit der Kreislaufwirtschaft und der Reduzierung der Treibhausgasemissionen verknüpft sind, wobei die Zahlen derzeit noch recht niedrig sind. Insgesamt sind die Entwicklungen in der Branche noch nicht schnell genug, um die Anforderungen einer Kreislaufwirtschaft zu erfüllen.

Sehr bald schon wird die Notwendigkeit für alle Branchen, Treibhausgase zu reduzieren und eine Kreislaufwirtschaft zu unterstützen, eine massive Innovationswelle in Unternehmen der Chemieindustrie erfordern.

Ein Wettlauf in die Zukunft

Einerseits hat die Chemieindustrie gut ausgebaute Innovationsfähigkeiten und führt eine Reihe von Innovationen ein – das bedeutet, dass das Glas halb voll ist. Andererseits tendiert sie dazu, bestehende Angebote zu verbessern, statt neue zu schaffen. In einer sich schnell verändernden, wettbewerbsorientierten Welt, in der Transformation in Bezug auf Digitalisierung und Nachhaltigkeit eine Bedingung für den Erfolg darstellt, wird dieser traditionelle Ansatz nicht ausreichen – das bedeutet, dass das Glas halb leer ist.

Wenn Chemieunternehmen im Wettlauf um die Bereitstellung von mehr Innovation in mehreren Bereichen in Verzug geraten, dann laufen sie Gefahr, die riesigen Wachstumschancen in den kommenden Jahren nicht nutzen zu können. Und noch mehr: Sie unterliegen zusätzlich der Gefahr, von der steigenden Zahl chemienaher Start-ups verdrängt zu werden, die die Innovationslücken füllen, die der traditionelle Innovationsaufwand geöffnet hat.

Die Branche muss grundlegend etwas verändern in der Art und Weise, wie sie Innovation vorantreibt. In Chemieunternehmen steckt ein enormes Potenzial – aber wenn diese wachsen wollen, müssen sie ihre Innovationsfähigkeiten jetzt nutzen und weiterentwickeln, um eine breite und sich wandelnde Palette von neuen Produkten, Prozessen und Dienstleistungen anbieten zu können.

Über die Untersuchung

Die von Accenture durchgeführte Untersuchung über Wachstum und Innovation in der Chemieindustrie definiert und analysiert den Innovationslebenszyklus über sechs Schlüsselfaktoren hinweg: Patente, Start-ups, Corporate Venturing, Partnerschaften, M&A und Investitionsvorhaben. Es wurden für jeden der Faktoren primäre Kenngrößen festgelegt und sowohl traditionelle als auch fortschrittliche Analysemethoden angewandt, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Die Untersuchung umfasste die folgenden Daten:

  • Patente: mehr als 100.000 Patente (angemeldet zwischen 2015 und 2019, veröffentlicht bis Juli 2021) durch firmeninterne F&E
  • Start-ups: Externe Investitionen in mehr als 1.900 chemiebezogene Start-ups seit 2016, mit denen nach 2010 gegründeten Startups
  • Corporate Venturing: Mehr als 500 Venture Capital-Beteiligungen/Investments durch Chemieunternehmen seit 2016
  • Partnerschaften: Über 600 Bekanntmachungen von Partnerschaften seit 2016
  • M&A: Mehr als 500 M&A-Transaktionen zwischen 2016 und 2020
  • Investitionsvorhaben: Mehr als 2500 Ankündigungen von Kapitalaufwand seit 2016

Dr. Bernd Elser

Managing Director – Global Chemicals Lead and Europe Lead for Chemicals and Natural Resources


Dr. Karin Walczyk

Senior Principal – Lead, Chemicals Research


Paul Bjacek

Principal Director – Lead, North America Thought Leadership & Global Resources Research

MEHR ZU DIESEM THEMA

6 Bausteine für digitale F&E im Chemiesektor
UN GC – Accenture CEO-Studie zu Nachhaltigkeit
Signal für einen Wandel

ABONNEMENT-CENTER
Bleiben Sie mit unserem Newsletter auf dem Laufenden Bleiben Sie mit unserem Newsletter auf dem Laufenden