STUDIE

In Kürze

In Kürze

  • Unternehmen in den USA und China sind gut aufgestellt, um sich schnell von der Pandemie zu erholen. Dennoch kann Europa sich einen Vorsprung sichern.
  • Was jetzt zählt, sind Resilienz, Regionalisierung, branchenübergreifende Ansätze, schnelle Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Europa ist hier stark.
  • Dies schafft zusätzliche Chancen: der Neustart ganzer Branchen, neue Wachstum durch branchenübergreifende Aktivitäten und neue Tätigkeitsfelder.
  • Es gilt nun, mithilfe des Ökosystems neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, die digitale Transformation mit nachhaltiger Wertschöpfung zu kombinieren und neue Kompetenzen aufzubauen.


Europa ist bereit für den Neustart

Vor der Pandemie hielten europäische Unternehmen gut mit ihren US-amerikanischen und chinesischen Wettbewerbern mit – zumindest in den meisten Branchen.

Dann kam COVID-19.

Inzwischen erholen sich die Volkswirtschaften weltweit und es scheint, als gelänge dies Unternehmen in China und den USA schneller als den europäischen. Doch die Wirtschaft Europas muss nicht zwangsläufig ins Hintertreffen geraten.

Eine Rückkehr zu altbekannten Wachstumsplänen und -strategien wird allerdings nicht reichen. Es zeichnet sich ein neues Muster ab, wie Wachstum künftig gelingt. Europäische Unternehmen sind gut positioniert, um sich darauf einzustellen.

Die Grundlage bilden Resilienz gegenüber unerwarteten Ereignissen, eine stärkere Regionalisierung sowie junge, aufstrebende Wirtschaftszweige rund um die intelligente Fertigung, das digitale Gesundheitswesen, Smart Mobility und die Energiewende. Bereiche also, in denen Europa bereits stark positioniert ist. Ein weiteres zentrales Element ist die gemeinsame Betrachtung von Digitalisierung und Nachhaltigkeit. In puncto Digitalisierung liegen europäische Unternehmen zwar zurück, bei der Nachhaltigkeit sind sie aber seit Langem führend.

Dieses neue Wachstumsmodell kann in einigen Branchen in Europa den dringend benötigten Neustart antreiben. Zudem ergeben sich Chancen, den globalen Wettbewerb zu überholen. Mit der Verschmelzung einzelner Branchen kommen zudem neue Möglichkeiten hinzu, Wettbewerbsvorteile aufzubauen. Und damit Arbeitsplätze zu sichern und neue Tätigkeitsfelder zu erschließen.

Wie einzelne Branchen abschneiden

Vor der Pandemie waren viele europäische Unternehmen gut positioniert. Nun jedoch sind viele von mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert, insbesondere gegenüber China und den USA. Dies betrifft einige Branchen, beispielsweise den Technologiesektor und die Software- und Plattformindustrie.

Accenture Research für Capital IQ für Versicherungen. Daten der Swiss Re, sigma World Insurance Reports

Was Innovation angeht, halten europäische Unternehmen ihre Position im Wettbewerb. Jedenfalls noch. 24 % der 2.500 Unternehmen, die am meisten in Forschung & Entwicklung investieren, stammen aus Europa. Sie steuern 28 % der gesamten F&E-Ausgaben bei. Doch der Wettbewerb verschärft sich: In den letzten zehn Jahren ist Europa vor allem gegenüber China ins Hintertreffen geraten. Im Jahr 2013 war Europa bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung gemeinsam mit den USA noch führend: Beide trugen je 35 % der Gesamtinvestitionen in F&E der Top 2.500 bei. In China waren es nur 4 %.

Insbesondere Unternehmen in der Energiewirtschaft und der Anlagentechnik müssen gegenüber ihren globalen Wettbewerbern aufholen.

Unter den 2.500 weltweit am meisten in F&E investierenden Unternehmen waren 2019

  • 24 % europäische Unternehmen
    (31 % aus den USA, 21 % aus China)
  • 28 % der F&E-Ausgaben stammte von europäischen Unternehmen
    (38 % von US-amerikanischen, 14 % von chinesischen)

Bei europäischen Start-ups ist ebenfalls Luft nach oben: Bis 2019 wurden in Europa mehr als 43.000 Start-ups finanziert – das Gesamtkapital betrug über €38 Milliarden Euro. Doch verglichen mit den USA liegt Europa damit weit zurück: Hier gab es zum gleichen Zeitpunkt mehr als doppelt so viele Start-ups mit mehr als dreimal so hohen Finanzmitteln.

Quelle: Accenture Research

Unsere aktuelle Umfrage unter C-Level-Entscheidern von 700 europäischen Großunternehmen ergab: Die Mehrheit ist hinsichtlich des Wachstums ihres Geschäfts in den nächsten zwei Jahren sehr zuversichtlich. Besonders optimistisch sind die Vorstände der Pharmaindustrie (92 % sind zuversichtlich), am wenigsten die in der Reise- (68 %) sowie in der Kommunikations- und Medienbranche (70 %).

Dieser positive Blick in die Zukunft steht jedoch im Gegensatz zur kurzfristigen Lageeinschätzung. Kein Wunder, angesichts der diversen Herausforderungen, vor denen viele Unternehmen und Branchen gerade stehen. Eines ist klar: Europäische Unternehmen müssen jetzt vor allem schnell neue Wachstumsstrategien umsetzen.

Ein Blick auf die Vorreiter von morgen

Ein kleiner Teil der Unternehmen dürfte sich innerhalb der nächsten 12 Monate den größten Teil des Gesamtgewinns sichern.
Unsere aktuelle Studie "Das europäische Doppel" hat Unternehmen identifiziert, die auf dem besten Weg sind, im Jahr 2021 profitabel zu wachsen. Wir nennen sie die Vorreiter von morgen.

35%

Zu den Vorreitern von morgen gehören 35 % aller Unternehmen weltweit. Sie werden bis Ende 2021 schätzungsweise 78 % der globalen Gesamtgewinne erwirtschaften.

Im Vergleich mit Nordamerika und der APAC-Region sind Unternehmen aus Europa in der Gruppe der Vorreiter von morgen unterrepräsentiert. Das neue Wachstumsmodell eröffnet gerade ihnen jedoch neue Chancen.

Die Elemente dieses Wachstumsmodells spielen europäischen Unternehmen in die Karten. Sie können ihre Stärken voll ausnutzen.

  • Resilienz: Im Schnitt erholen sich europäische Unternehmen langsamer von der Pandemie als ihre Wettbewerber. Dennoch stammen immerhin 32 % der Vorreiter von morgen aus Europa. Sie sind es, die das zukünftige Wirtschaftswachstum ihres Kontinents vorantreiben.
  • Regionalisierung: Die Reaktion auf die Pandemie könnte ein Vorbote dafür sein, wie die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen europäischen Ländern künftig abläuft – nämlich gemeinsam, als Teil der EU.
  • Branchenübergreifende Wertschöpfung: Viele Vorreiter in Europa haben ihren Horizont bereits erweitert und arbeiten verstärkt mit Partnern und in wachsenen Ökosystemen zusammen. Sie prüfen auch, wie sich eine gemeinsame Infrastruktur innerhalb der EU aufbauen und skalieren lässt.
  • Beschleunigte Digitalisierung: Bislang lag Europa bei der Digitalisierung hinter den USA und China zurück. Jetzt werden die Pläne ambitionierter, das zu ändern. Die EU will die Zahl der "Einhörner" verdoppeln und bis 2030 sollen 75 % der Unternehmen der EU mit Cloud/KI/Big Data arbeiten.
  • Nachhaltigkeit: Vorstände in Europa führen das Feld an. 58 % von ihnen sind der Ansicht, dass ihre Transformation zu einem nachhaltigeren Unternehmen ein Schlüssel dafür ist, weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Darüber hinaus stammt jedes zweite der nachhaltigsten Unternehmen weltweit aus Europa.

Von der Krise zur Chance

Das gerade entstehende neue Wachstumsmodell kann für Europa zu drei positiven Effekten führen:

  • Den Neustart einzelner Branchen
  • Branchenübergreifende Kooperationen mit großem Wachstumspotenzial
  • Schaffung neuer Tätigkeitsfelder

Wie können Unternehmen diese Chancen nutzen? Indem sie die folgenden drei Maßnahmen ergreifen.

1. Maßnahme: Geschäftsmodelle mit Ökosystem-Bezug entwickeln, um Innovation und Wachstum zu fördern

Neue Technologien und veränderte Kundenerwartungen schüren den Wettbewerb zwischen ganzen Ökosystemen. Mehrwert entsteht künftig vorrangig über digitale Plattformen, die auf Ökosystemen aufbauen. In der Automobilindustrie wird die Wertschöpfung im nächsten Jahrzehnt zu 48 % aus datengetriebenen Services, Mobilitäts- und digitalen Finanzdienstleistungen entstehen. Ohne Ökosysteme geht da nichts.

Unternehmen, die entsprechende Geschäftsmodelle aufbauen, sind widerstandsfähiger gegenüber Krisen: 43 % der Vorreiter von morgen erzielen mehr als ein Zehntel ihres Umsatzes über Ökosysteme. Bei anderen Unternehmen sind es nur 18 %.

Wenn wir diese Transformation in Europa breitflächig umsetzen wollen, brauchen wir ein Ökosystem, das aus führenden Unternehmen und Instituten, aus politischen Entscheidungsträgern und Start-ups besteht, die Automatisierung in der Industrie fördern können.

— CSO, Eines Unternehmens der Luft-/Raumfahrt- & Verteidigungsbranche aus Irland

2. Maßnahme: Doppeltransformation umsetzen – mit Tempo

Bei einer Doppeltransformation verknüpfen Unternehmen ihre Digitalisierungsinitiativen mit einer nachhaltigen Wertschöpfung. Diese Strategie eröffnet eine große Chance, Vorreiter zu werden.

Bei den meisten Unternehmen steht eine solche Doppeltransformation nach eigenen Angaben weit oben auf der Agenda. Doch mehr als die Hälfte jener Unternehmen, die schon mittendrin stecken, sagen wiederum: Sie kommen zu langsam voran, um den Mehrwert zu erschließen, der nötig wäre, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Quelle: Accenture CXO Survey

Wir haben fünf Schritte identifiziert, die Unternehmen dabei helfen, ihre Doppeltransformation möglichst schnell und umfassend durchzuführen:

  1. Eine Richtung vorgeben: Fördern Sie ökosystem-basierte Geschäftsmodelle, die auf Nachhaltigkeit und neue Technologien setzen.
  2. Die Reise beginnen: Kombinieren Sie Ihre Ressourcen, um Technologien in großem Maßstab für nachhaltige Maßnahmen einzusetzen.
  3. Den Nutzen maximieren: Binden Sie das gesamte Unternehmen mit einer Kombination aus finanziellen und anderen Kennzahlen ein.
  4. Erfolge skalieren: Stimmen Sie Geschäftspartner auf Ihre Strategie ein, damit nachhaltige, nachverfolgbare Produktlebenszyklen entstehen.
  5. Dran bleiben an der Transformation: Unterstützen und fördern Sie Ihre Talente.

3. Maßnahme: Neue Kompetenzen vermitteln, um europaweit neue Arbeitsplätze zu schaffen

Die Hälfte der befragten C-Level-Entscheider sagt, sie müssten sich jetzt vor allem um ihre Belegschaft kümmern. Europäische Unternehmen haben ambitionierte Pläne für Umschulungen und Weiterbildungen aufgestellt, die innerhalb kurzer Zeit umgesetzt werden sollen.

72%

der Unternehmen planen, in diesem Jahr zwischen 5 % und 25 % ihrer Mitarbeitenden neue Kompetenzen zu vermitteln, um mit den eigenen Anforderungen Schritt zu halten.

Unsere Publikationen "Net Better Off" und "Honing Your Digital Edge" haben vier Bausteine identifiziert, die ein Unternehmen bereit machen für die Skills von morgen:

  1. Kontinuierliches Lernen ermöglichen: Ermitteln Sie mithilfe von Daten die künftigen Kompetenzanforderungen und gestalten Sie Lernen mit Technologie effektiver.
  2. Flexible Arbeitsweisen anbieten: Verbessern Sie das Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine, damit Mitarbeitende mehr Freiraum für bedeutsame, innovative Aufgaben erhalten.
  3. Auf Führung und Kultur konzentrieren: Fördern Sie eine Führungkultur der Zusammenarbeit, die dazu motiviert, Wissen auszutauschen, zu lernen und Risiken einzugehen.
  4. Digitale Technologiekompetenz stärken: Fördern Sie die Akzeptanz für die Digitalisierung, indem Sie für engagierte Teams, die richtigen Fähigkeiten sowie ein Verständnis für den Wert neuer Technologien sorgen.

Wer diese vier Aspekte beherrscht, kann seine Fortbildungspläne individueller gestalten. Gemeinsam mit den Mitarbeitenden entsteht eine Lernumgebung, die sich für alle Seiten auszahlt.

Die Regierungen in Europa müssen unterstützen

Die EU und ihre Mitgliedsstaaten können ebenfalls dazu beitragen, dass sich die Unternehmen und Branchen in Europa neu erfinden. Darauf kommt es an:

  • Mit neuen Bildungs- und Schulungssystemen die Arbeitskräfte von morgen entwickeln; finanzielle Anreize für private Partner liefern, die an der Weiterbildung von Mitarbeitenden beteiligt sind; die Zusammenarbeit mit akademischen Einrichtungen, Start-ups und Unternehmen fördern, um STEM-Talente zu entwickeln; mobilitätsfördernde Rechtsverordnungen erlassen, um ausländische Talente anzuziehen und die berufliche Mobilität europaweit zu unterstützen.
  • Die digitale Transformation durch den Aufbau einer gemeinsamen technologischen Infrastruktur ermöglichen, einschließlich 5G, Cloud, IoT und KI; ein innovationsfreundliches regulatorisches Rahmenwerk entwickeln; F&E durch Initiativen wie das European Innovation Council finanziell fördern und die Digitalisierung von KMU unterstützen; die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Einrichtungen für F&E-Projekte maximieren und so erfolgreiche Ideen schnell skalieren.
  • Den Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft durch die Investition in neue Energietechnologien unterstützen (erneuerbare Energien, Wasserstoff, weitere); die Energiewende finanzieren – durch eine Direktfinanzierung der Dekarbonisierung der Industrie oder durch finanzielle Anreize; F&E-Projekte finanzieren; Förderung der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, um integrierte Wertschöpfungsketten zu schaffen und Ausschuss zu reduzieren; eine verantwortungsbewusste Verwendung von Nothilfe-Geldern sicherstellen, die zu einer grüneren Wirtschaft beitragen sollen; eine visionäre Strategie vorlegen, um Europa zu einem führenden Akteur beim Thema Nachhaltigkeit zu machen.

Europa ist am Zug, die Führung zu übernehmen

Mit COVID-19 haben sich wirtschaftliche Erwartungen und gesellschaftliche Normen verschoben. Für Europa ist das eine Chance, ganze Branchen neu zu erfinden.

Die Pandemie hat aufgedeckt, wo wir am verwundbarsten sind. Wir haben gesehen, wie zerbrechlich viele Lieferketten sind. Und auch, mit welchen Sorgen Kleinunternehmer zu kämpfen haben. Es kann nun nicht das Ziel sein, zu früheren Gewohnheiten zurückzukehren.

Stattdessen können sich die Branchen, Unternehmen und Regierungen in Europa entscheiden, eine stabilere Zukunft aufzubauen. Wir müssen den Willen aufbringen, über unsere eigene Generation hinauszudenken. Wir brauchen Beharrlichkeit, um Mitarbeitende mit neuen Kompetenzen auszustatten. Wir brauchen Vertrauen, um in Ökosystemen über Grenzen hinweg mit anderen Unternehmen zusammenzuarbeiten – selbst mit unseren Wettbewerbern. Und wir brauchen Mut, um signifikante Summen in aufstrebende Technologien zu investieren, mit Innovationen neue Wege einzuschlagen und uns selbst zu Spitzenleistungen anzutreiben.

Jean-Marc Ollagnier

CEO – EUROPE


Michael Brueckner

Senior Managing Director, Growth & Strategy Lead, Europe


Sybille Berjoan

Europe Principal Director, Accenture Research


Pierre Gattaz

President – BusinessEurope

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