Aus dem Benchmarking kennen Sie die Begriffe drittes Quartil, zweites Quartil und erstes Quartil – auch 75%-Quartil, 50%-Quartil und 25%-Quartil genannt. Jetzt wird es Zeit, Quartil Zero, das „Null-Prozent-Quartil“, kennenzulernen.

Seit Jahren verfolgen Unternehmen zur Kostensenkung den traditionellen komparativen Benchmarking-Ansatz. Ihr Ziel: vom unteren Quartil (den leistungsschwächsten 25 %) in das obere Quartil zu gelangen und damit in die Riege der Unternehmen mit einer „Best-in-Class”-Kostenstruktur. Dazu konzentrieren sie sich darauf, die Kostentreiber im Unternehmen zu finden und suchen Wege, ihre Kosten zu senken. Dieser Ansatz bringt jedoch weder einen tatsächlichen Wettbewerbsvorteil, noch ist er im heutigen Geschäftsklima aggressiv genug. Denn er bezieht sich lediglich auf traditionelle Preis- und Verbrauchsmuster.

Auf einem weißen Blatt Papier beginnen

Quartil Zero, das Herzstück der „Zero-Based-Methode“, ist das Gegenteil vom traditionellen komparativen Ansatz. Denn es fokussiert nicht auf die klassischen 25%-Quartil-Benchmarks, sondern setzt auf einen kompletten Neuanfang – eben zurück auf Zero Null. Ausgehend von dieser Null-Basis wägt der Ansatz ab, wie digitale Technologien, Nachhaltigkeitspraktiken und andere Einflussfaktoren die Soll-Ausgaben eines Unternehmens völlig neu definieren können. Es handelt sich also um eine grundsätzliche Verschiebung der Kostenkurve.



Betrachten wir das Ganze an einem Beispiel: den Ausgaben für Rechtsberatung. Ein Unternehmen, das sich mitten in einer Firmenübernahme befindet, hat unzählige Verträge, die geprüft, überarbeitet und genehmigt werden müssen. Die Rechtsanwälte des Unternehmens berechnen dafür Hunderte von Arbeitsstunden. Der traditionelle Ansatz zur Kosteneinsparung wäre die Kontrolle des Preises (Verhandlung eines niedrigeren Stundensatzes oder die Kontrolle des Aufwands (Übereinkunft, dass weniger Stunden bezahlt werden). Was würde aber passieren, wenn das Unternehmen den Großteil der aufwendigen Vertragsprüfung nicht über eine teure Kanzlei einkaufen müsste, sondern mittels künstlicher Intelligenz (KI) durchführen würde?

Ein weiteres Beispiel: ein digitaler Marktplatz für Speditionsdienstleistungen (vergleichbar mit Expedia im Reisesegment), der es ermöglicht, in Echtzeit Preise, Routen und Anbieter zu vergleichen. Im Gegensatz zum herkömmlichen Vorgehen erhalten Auftraggeber Kostenvoranschläge in Sekundenschnelle und gewinnen damit Einblick in gängige Preisstrukturen, was ihnen eine bessere Verhandlungsbasis gibt. Außerdem können Auftraggeber ihre Frachtkosten bei Sofortzahlung um bis zu 30 Prozent senken, was bei hohem Frachtvolumen im Vergleich zum verhandelten Standardpreis in der Endbilanz einen erheblichen Unterschied macht.

Wie die genannten Beispiele zeigen, kann der Quartil-Zero-Ansatz dramatische Auswirkungen haben, denn digitale Technologien ermöglichen es Unternehmen, ihre besten Ergebnisse und 25%-Quartil-Benchmarks aus der Vergangenheit weit zu übertreffen. Untersuchungen von Accenture Strategy zeigen, dass ein Zero-Based-Programm Ausgaben durchschnittlich um mindestens 15 Prozent senken und jährliche Einsparungen von mehr als 260 Millionen US-Dollar einbringen kann. Die Kostensenkungen variieren zwischen fünf und 28 Prozent, je nachdem wie ambitioniert die selbstgesetzten Soll-Kostenziele der Unternehmen sind.1

„Quartil Zero kann dramatische Auswirkungen haben, denn digitale Technologien ermöglichen es Unternehmen, ihre besten Ergebnisse und 25%-Quartil-Benchmarks aus der Vergangenheit weit zu übertreffen.“

Unternehmen erkennen die Zeichen der Zeit. Untersuchungen von Accenture zeigen, dass die Nutzung von Zero-Based-Programmen seit 2011 jährlich um 57 Prozent steigt. Dennoch investieren nur 13 Prozent der Unternehmen im Rahmen ihres Zero-Based-Programms in Technologien zur weiteren Verbesserung der Agilität und Effizienz innerhalb der Organisation.2 Dabei liegt hier das größte Potenzial.

Das Ziel im Blick

Doch wie schafft man den Sprung zu einem Quartil-Zero-Mindset? Zunächst müssen sich Unternehmen über ein paar wichtige Dinge im Klaren sein: Zum einen sollten sie sich eine Strategie überlegen, wie sie mit Ökosystem-Partnern zusammenarbeiten können, um schneller die für einen erfolgreichen Zero-Based-Ansatz nötigen Fähigkeiten aufzubauen. Insbesondere die Zusammenarbeit mit Start-ups kann ihnen einen wichtigen Vorsprung beim Verständnis neuer Technologien und Lösungen geben und zu schnellen Gewinnen verhelfen. Zum anderen müssen sie sicherstellen, dass klassische Kostensenkungsmaßnahmen (z. B. Implementierung neuer Richtlinien, Preissenkung durch strategische Verhandlungen mit Zulieferern, Rationalisierung von Spezifikationen und Anpassung von Verbrauchsmustern) ausgeschöpft werden, um Kapital für Investitionen in neue Technologien zu generieren. Darüber hinaus müssen Unternehmen die Organisationsstruktur, Prozesse und Interaktionen zwischen Mensch und Maschine verstehen, die nötig sind, um die Technologien so zu optimieren, dass sie den Bedürfnissen des Unternehmens gerecht werden.

Quartil Zero bedeutet keine schrittweise Verschiebung der Kostenkurve, wie etwa durch die Implementierung eines Tools zur Beschleunigung von Prozessen oder zur Reduzierung des Personalaufwands um fünf Prozent. Das Ziel ist vielmehr, darüber nachzudenken, wie fortschrittliche digitale Technologien Unternehmen dabei helfen, die Kostenkurve komplett neu zu definieren. Das bedeutet auch eine Neudefinition der Frage „Was ist möglich?“ Dabei handelt es sich nicht um Science-Fiction, all das ist bereits Realität. Und je mehr Unternehmen den Zero-Based-Ansatz erfolgreich anwenden, desto deutlicher wird, dass die Tage des traditionellen Benchmarkings zur Kostensenkung gezählt sind.

1 Accenture Strategy, „Jenseits des ZBB-Hypes“, 2018.

2 Ibid.

Alexis Perez

Senior Principal – Accenture Strategy, Supply Chain, Operations & Sustainability Strategy

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