Modelle für „Der Staat als Plattform“

Der Umfrage „Accenture Technology Vision 2017“ zufolge glauben 68 % der befragten Führungskräfte im öffentlichen Dienst, dass digitale Ökosysteme bereits einen erkennbaren Einfluss auf die Wirtschaft haben oder zu einem massiven Wirtschaftswandel beitragen werden.1 Die Plattformen, die wirklich erfolgreich sind, sind häufig für bestimmte Ziele, situationsabhängige Bedürfnisse und aktuelle Kompetenzen konzipiert, und der öffentliche Dienst hat Optionen. Behörden arbeiten besser mit anderen Beteiligten im Ökosystem zusammen. Im Rahmen der Studie „Accenture Technology Vision 2018“ geben 36 % der Führungskräfte im öffentlichen Dienst an, dass sich die Anzahl der Partner, mit denen ihre Organisation zusammenarbeitet, in den letzten beiden Jahren mindestens verdoppelt hat.2

Wir möchten Ihnen vier Plattformmodelle mit unterschiedlichen Kommunikationskanälen und Ökosystemen für die Bereitstellung öffentlicher Dienstleistungen vorstellen.

Staatsweite Plattform

Der öffentliche Dienst ist die treibende Kraft, wenn es um eine Umgebung geht, in der die Zusammenarbeit zwischen allen Stakeholdern gefördert wird. Die staatsweite Plattform ist insbesondere für die Länder geeignet, die auf Bundesebene eine eindeutige und zentrale Verantwortung für den Wandel digitaler und öffentlicher Dienste definiert haben. Eine solche Plattform bietet eine zentrale Anlaufstelle für regierungsweite Informationen und Dienstleistungen, denn die Bürger möchten einen einzigen Ansprechpartner. Tatsächlich wünschen sich sechs von zehn Bürgern ein zusammengefasstes Online-Portal für alle Leistungen im öffentlichen Dienst.3

Dieser Ansatz wurde beispielsweise mit dem „Government Digital Service“ in Großbritannien und für die australischen Steuerbehörden bereits erfolgreich umgesetzt. Norwegen ist dabei, Möglichkeiten zu erarbeiten, um die Altinn-Plattform für eine umfassendere Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und der Zivilgesellschaft zu nutzen (z. B. für das Crowdsourcing). Altinn wagt den Schritt, sich über ein reines Online-Portal für die Optimierung der Wirtschaftsberichterstattung hinaus als Anbieter von Tools und als Technologieplattform zu etablieren, auf der Behörden und Unternehmen neue Dienstleistungen schaffen können. Drittanbieter haben die Möglichkeit, sich zu beteiligen, und können Zusatzleistungen entwickeln und allgemeine Daten mit Plattformpartnern teilen, um damit Innovationen zu fördern. Stakeholder sind daran interessiert, Altinn als vertrauenswürdige Datenquelle für die norwegische Digitalwirtschaft weiterzuentwickeln. Der Schutz der Daten der Bürger ist dabei natürlich sichergestellt.

Peer-Plattform

Peer-Plattformen sind auf Dienstleistungen ausgerichtet und vertikal integriert und werden von mindestens zwei Behörden aufgebaut. Über solche Plattformen lässt sich die Summe an Informationen und Dienstanbietern deutlich verringern und das wiederum erleichtert eine umfassende gemeinsame Nutzung von Daten. Die gemeinsame Nutzung von Daten wird immer wichtiger. 85 % der Führungskräfte im öffentlichen Dienst vertreten die Meinung, dass ihre Organisationen Daten in erheblichem Umfang nutzen, um kritische und automatisierte Entscheidungen zu treffen.4 Peer-Plattformen ermöglichen darüber hinaus umfassende Initiativen für einen bestimmten Bereich im öffentlichen Dienst.

Dieser Plattformansatz eignet sich besonders gut für Länder, die bis dato nicht über eine gemeinsame Plattform für öffentliche digitale Dienste verfügen und sich in bestimmten politischen Bereichen, in denen mehrere Behörden häufig auf Bundes- und bundesstaatlicher/lokaler Ebene zusammenarbeiten, eine bessere Bereitstellung wünschen (z. B. Unterstützung für kleine Unternehmen, Lizenzierung).

Staatliche Aufsichts- und Lizenzierungsbehörden würden von der Einführung einer Peer-Plattform profitieren. Diese Organisationen müssen sich zum proaktiven Partner entwickeln, dessen Hauptaugenmerk dem Erfolg seiner Unternehmerschaft gilt – ohne dabei das Allgemeinwohl aus den Augen zu verlieren. Sie versuchen es, doch viele sehen nur digital aus, ohne es wirklich zu sein.

Ökosystemplattform

In einer Ökosystemplattform fungiert der Staat als Dirigent oder Dreh- und Angelpunkt. Bei dieser Plattform handelt es sich um ein offenes und ergebnisorientiertes System, in dem der Staat mit Akteuren aus dem Nichtregierungsbereich zusammenarbeitet und gemeinsam mit ihnen Dienstleistungen anbietet. Dieses auf Zusammenarbeit ausgerichtete Modell fördert natürliche und auch unkonventionelle Partnerschaften, um neuen Wert und Innovationen zu schaffen. Fast alle der befragten Führungskräfte im öffentlichen Dienst (91 %) glauben, dass ein plattformbasiertes Geschäftsmodell und die Zusammenarbeit in Ökosystemen mit digitalen Partnern entscheidend ist.5

Die Führungskräfte im öffentlichen Dienst treffen bereits Vorkehrungen für eine ausgedehntere Zusammenarbeit im Ökosystem. Viele von ihnen (65 %) sind der Meinung, dass das Volumen an Daten, die zwischen Partnern ausgetauscht werden, erheblich steigen wird.6 Dieser Ansatz ist möglicherweise gut geeignet, um komplexe politische Probleme anzugehen, die von einem einzelnen Dienstanbieter nicht gehandelt werden können (z. B. Jungendarbeitslosigkeit und Bildungswesen).

Pôle emploi, wie die Agentur für Arbeit in Frankreich genannt wird, ist eine erfolgreiche Ökosystemplattform. Über die Plattform wurde das offene Portal „L’Emploi Store“ lanciert, auf dem beschäftigungsbezogene Apps für Bürger angeboten werden, für deren Entwicklung Pôle emploi und Drittanbieter verantwortlich zeichnen. Überdies arbeitete die Agentur mit einem Anbieter von Lösungen zur Online-Weiterbildung zusammen und ermöglichte Arbeitssuchenden auf diese Weise die Teilnahme an über 1.000 Online-Kursen. Und auch „Le Lab“ ist eine Entwicklung der Agentur. Dabei handelt es sich um ein internes Innovationszentrum, das Arbeitssuchenden, Arbeitgebern, Beratern und Start-ups die Möglichkeit bietet, neue digitale Dienstleistungen zu konzipieren.

Crowdsourcing-Plattform

Die Crowdsourcing-Plattform ist ein auf Zusammenarbeit und Innovation ausgerichteter Ansatz, bei dem der Staat ganz offen mit Bürgern, Unternehmen und anderen Behörden oder Nichtregierungsorganisationen zusammenarbeitet. Bei diesem Ansatz fungiert der Staat als Dirigent oder Dreh- und Angelpunkt für die Zusammenarbeit in einem Ökosystem, die Rollen der einzelnen Teilnehmer sind dabei weitestgehend undefiniert. Ein solches Plattformmodell eignet sich besonders für Länder, in denen neue politische Probleme innovative Problemlösungen aus der Zivilgesellschaft erforderlich machen.

Beispiele sind Crowdsourcing-Plattformen, in denen Ideen und Fachwissen zu besonders komplexen Themenstellungen willkommen sind, wie beispielsweise die „Grand Challenge“ der US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit USAID für den Kampf gegen Ebola oder die offene UNHCR-Plattform „UNHCR Ideas“, auf der Ideen begrüßt werden, die das Leben von Flüchtlingen verbessern.

Die US-Steuerbehörde IRS bietet beispielsweise Steuerzahlern, die unter einer festgelegten Einkommensgrenze liegen, eine kostenfreie Online-Beratung und die Möglichkeit, ihre Steuererklärung online abzugeben. Die IRS hat dafür allerdings nicht die Zeit und die Ressourcen aufgewendet, die für die Entwicklung dieser Apps erforderlich gewesen wären, sondern bereits bestehende Apps zertifiziert, die von mehreren privaten Unternehmen entwickelt worden waren. Sie stellt diese Tools über die regierungseigene Website der Steuerbehörde zur Verfügung. Einzelpersonen, die die festgelegten Kriterien erfüllen, können die kostenfreien Online-Formulare ausfüllen, die Software zur Erstellung der Steuererklärung herunterladen und sich mit autorisierten Steuerberatern für die Online-Erklärung in Verbindung setzen, deren Dienste über die von der IRS verwaltete Plattform angeboten werden.7

Eine Plattform für den guten Zweck

Die Partnerschaft für Flüchtlinge (Partnership for Refugees) veranschaulicht, wie wirkungsvoll eine Zusammenarbeit der Öffentlichkeit und der Privatwirtschaft sein kann. Über sechs Millionen aus ihrem Zuhause vertriebene Menschen erhalten darüber Zugang zu Bildung, finanzielle Unterstützung und die Möglichkeit zur Beschäftigung. Und das, weil Organisationen sich in kürzester Zeit zusammengetan und einander die Hände gereicht haben, um zu helfen.

Mehr erfahren

1 Accenture Technology Vision 2017, Daten zum öffentlichen Dienst

2 Accenture Technology Vision 2018, Daten zum öffentlichen Dienst

3 Accenture Citizen Pulse Survey, Juli 2017

4 Ibid.

5 Ibid.

6 Accenture Technology Vision 2018, Daten zum öffentlichen Dienst

7 IRS-Website, Möglichkeiten für eine elektronische Einreichung für Einzelpersonen

Christian Bertmann

Geschäftsführer – Technologieberatung Öffentliche Verwaltung Dach

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