Die Digital-Twin-Technologie ist für viele Unternehmen kein Neuland mehr. Bereits heute sind sowohl statische als auch dynamische Varianten dieser Lösung in Industrieunternehmen der Chemie und anderen Branchen im Einsatz. Über die Vor- und Nachteile beider Ansätze habe ich in einem meiner letzten Beiträge gesprochen. Bevor es jedoch zur Einführung eines Digital Twin kommen kann, müssen Unternehmen einige wichtige Fragen klären, zum Beispiel: Wie finde ich eine IT-Strategie, die Digital-Twin-Anforderungen entspricht? Inwiefern muss ich meine Infrastruktur anpassen? Welche Anforderungen stellt die Umsetzung an meine Mitarbeiter? Welche spezielle Expertise benötige ich und welche Auswirkungen hat die Technologie langfristig auf die Mitarbeiter?

Antworten auf diese Fragen gibt folgender Beitrag. Die gute Nachricht direkt vorweg: Digital Twins führen nicht zur Kündigungswelle und bedingen auch keinen Austausch der aktuellen Belegschaft. Vielmehr geht es darum, im eigenen Mitarbeiterstamm ein Verständnis für die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine zu schaffen. Denn die Digital-Twin-Software kann noch so gut sein. Für eine erfolgreiche Integration ist der Mensch als Bindeglied unerlässlich.

Arbeiten mit dem Zwilling

Wie die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Technologie aussehen kann, ist von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich. Um das Thema greifbarer zu machen, möchte ich skizzieren, wie ein konkretes Anwendungsbeispiel in der Praxis mit dem Digital Twin aussehen kann: Ein Mitarbeiter, ausgestattet mit Tablet oder VR-Brille, trägt auf der Suche nach Auffälligkeiten während eines Inspektions- oder Wartungsrundgangs in der Anlage alle Informationen in Dialogfeldern auf der digital aufgezeichneten Route auf dem Tablet ein. Diese Dialogfelder geben idealerweise Handlungsempfehlungen zur Problembeseitigung oder spezifische Anweisungen und Beschreibungen für Kollegen. In diesem Szenario entfällt also die initiale, analoge Informationsaufnahme per Klemmbrett. Die Informationen aus der Produktion können ohne Zeitverzögerung und mit geringerer Fehleranfälligkeit direkt in das Digital-Twin-System integriert werden. Das erhöht nicht nur die Qualität, sondern fördert auch die Motivation der Mitarbeiter.

Für den einzelnen Mitarbeiter wird dank dieser Technologien deutlicher, welche Aufgabe er im Gesamtsystem übernimmt. Und diese ist essenziell. Denn er trägt die Verantwortung für die richtige Einordnung der Daten in das System – und damit für die Gewährleistung der reibungslosen Aktualisierung und Pflege eben dieser Daten. Der Digital Twin lebt von Informationen, die der Menschdiszipliniert zufüttern muss. Erst eine permanente Aktualisierung und Ergänzung von Daten stellt sicher, dass der Digital Twin ein verlässliches Abbild der Realität im Digitalen darstellt. So wird der Zwilling agil und ermöglicht das Abrufen von Echtzeitinformationen, unabhängig vom Standort. Nur so profitiert das Gesamtsystem von schnelleren und effizienteren Prozessen. Und Mitarbeiter von neuen Perspektiven in ihrer Arbeit.



Der Schlüssel – Qualifikation

Die Qualifizierung und die Motivation der Beschäftigten sind für innovative Systeme, wie das Digital-Twin-Konzept von maßgeblicher Bedeutung. Natürlich werden nicht alle Mitarbeiter diese Möglichkeiten direkt gutheißen. Bei neuen Technologien überwiegt häufig die Angst vor dem Ungewohnten, vor dem „Ersetzt werden“. Für alle Mitarbeiter, die durch die digitale Innovation nun um ihren Job bangen, sei an dieser Stelle gesagt: Digital Twins sichern Arbeitsplätze und sind eine große Chance, Wettbewerbsvorteile mittels Technologie und menschlicher Expertise auszubauen. Damit die Arbeit mit dem Digital Twin akzeptiert wird, gehört diese Botschaft ganz oben auf die Agenda. Sind die Chancen klar, geht es um die Vermittlung einer klaren Erwartungshaltung, um Mitarbeitern diese Ängste schnellstmöglich zu nehmen.

Mitarbeiter müssen in der Lage sein, die entsprechende Technologie des Digital-Twin-Konzepts zu bedienen. Das bedeutet keinesfalls, dass jeder Mitarbeiter Datenspezialist oder Programmierer werden muss. Ziel ist es, dass Mitarbeiter Handlungsanweisungen folgen können und ein Verständnis dafür teilen, wie ein Digital Twin funktioniert und welche Vorzüge sie von dem zusätzlichen Aufwand der Datensammlung und -pflege haben. Und diese sind bei der Digital-Twin-Technologie ganz eindeutig: Echtzeitinformationen zu Zustand und Leistung der Produktion und die Möglichkeit der zeitnahen Problemerkennung und bessere Planung – um nur einige Vorteile zu nennen. Die Frage nach der Motivation löst sich so bei den Mitarbeitern von ganz allein.

Götz Erhardt​

Geschäftsführer Grundstoffindustrien/ Energie, DACH

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