Digitales Projekt- und Asset-Lifecycle-Management erleichtert die Energiewende 

Rechnerisch ist die Energiewende möglich: Laut einer Studie des Umweltverbands WWF lässt sich der für 2050 auf rund 700 Terawattstunden kalkulierte Strombedarf in Deutschland vollständig durch erneuerbare Energien abdecken. Weniger weitgehend, aber immer noch ambitioniert sind die EU-Klimaziele. Sie sehen bei der Stromerzeugung bis 2050 einen Anteil der erneuerbaren Energien von 60 Prozent vor. Voraussetzung für beide Szenarien ist der Bau weiterer Photovoltaik- und Windenergieanlagen. Die Offshore-Stromerzeugung in Nord- und Ostsee müsste laut WWF in den nächsten 30 Jahren von aktuell 7,5 auf dann 51 Gigawatt Leistung steigen. Die Bundesregierung peilt momentan 40 Gigawatt bis 2040 an. Unter anderem will das Bundeswirtschaftsministerium die Verwaltungsverfahren straffen sowie beschleunigen, damit sich die Ausbauziele bei der Erzeugung von Ökostrom leichter erreichen lassen.

Netzbetreiber sollten Projektmanagement beim Bau von Stromtrassen verbessern

Vereinfachte Verwaltungsverfahren würden sicher auch die Netzbetreiber erfreuen, die Ökostrom vom windreichen Norden in die süddeutschen Industrieregionen leiten – dieser Transport ist eine Voraussetzung für die Energiewende. Immer wieder sorgen die großen Infrastrukturprojekte für Anspannungen, weil ihr Zeitplan wackelt. Von Verzögerungen wie bei der 2016 eröffneten Elbphilharmonie ist bei Stromtrassen zwar keine Rede. Beim Hamburger Konzerthaus lagen schon zwischen Konzeptionsphase und Baubeginn sechs Jahre, weitere neun vergingen dann durch schwaches Projektmanagement bis zur Fertigstellung. Dagegen erscheinen die Herausforderungen bei den Infrastrukturprojekten im Energiebereich dann doch kleiner – selbst wenn rund um das Verlegen von Stromleitungen natürlich ebenfalls zahlreiche Einzelaufgaben etwa bei Genehmigungsverfahren, dem Zugriff auf Grundstücke oder der Baulogistik zu koordinieren sind. Trotzdem bieten sich den Netzbetreibern Optimierungspotenziale, die dazu beitragen könnten, dass der Bau von Stromtrassen im finanziellen sowie zeitlichen Rahmen bleibt und sie sich zudem perspektivisch viel ökonomischer betreiben lassen – unabhängig von eventuell beschleunigten Verwaltungsverfahren.

Beim Leitungsbau spielt der Technologieeinsatz noch immer eine untergeordnete Rolle und Potentiale bleiben ungenutzt

Aktuell krankt so manches Leitungsprojekt daran, dass die Verantwortlichen die aus dem Zusammenwirken vieler Einzelaufgaben resultierende Komplexität unterschätzen und Parallelitäten oder Abhängigkeiten zu wenig berücksichtigen. Oft fehlt der ganzheitliche, aktuelle Überblick über den Status der Teilprojekte und deren Auswirkungen auf andere Bereiche. Obwohl viele Aufgaben nicht einfach linear abgearbeitet werden können, mangelt es an Methodik und Systemunterstützung für ein modernes Projektmanagement. Häufig kommt immer noch einfache Planungs-Software zum Einsatz. Sie soll beim Bau einer über hunderte Kilometer durch verschiedene Bundesländer und Gemeinden führenden Stromtrasse den Überblick über lokale Planungsverfahren sowie Verträge mit Kommunen und Grundstückseigentümern liefern. Auch zur Koordination vieler, oft internationaler Zulieferer und Dienstleister mit Millionenaufträgen für Material und Maschinen inklusive dazugehöriger Just-In-Time-Planung sollen Excel-Tabellen reichen. Dabei wären leistungsfähige Planungs- und Steuerungstools verfügbar, die sich bei großen Infrastrukturprojekten sinnvoll kombinieren und integrieren lassen. Sie erleichtern die Strukturierung der Aufgaben, erlauben einen stets aktuellen Überblick über den Status einzelner Teilprojekte und versetzen die Projektmanager so in die Lage, schnell und flexibel auf sich abzeichnende Probleme zu reagieren.

Mit digitalen Lösungen lässt sich der gesamte Asset-Lifecycle planen

Wie in anderen Bereichen, eröffnet der Einsatz modernster digitaler Lösungen enorme Chancen auch beim Realisieren großer Infrastrukturprojekte. Wer das volle Potenzial der Digitalisierung nutzen will, sollte sich allerdings nicht auf die konkrete Planungs- und Bauphase beschränken. Zeitverzögerungen und Kostenüberschreitungen während der Errichtung etwa einer Stromtrasse mögen besonders augenfällig sein – doch mithilfe moderner Software lassen sich die Vorhaben auch in ihrer Gesamtheit besser planen. Das beginnt bei den technischen Spezifikationen einzelner Anlagenteile und reicht über das Vertrags- und Supply-Chain-Management mit Geschäftspartnern und Kommunen sowie die konkrete Baustellenlogistik bis zur frühzeitigen Einplanung technischer Möglichkeit zur kontinuierlichen Optimierung der Anlage im späteren Betrieb. Deshalb gehört idealerweise schon in der frühen Planungsphase die Frage auf die Agenda, wie der Asset-Lifecycle eines milliardenschweren Vorhabens bis zum eingeschwungenen Betrieb sich in Zahlen, Zeiträume und Szenarien packen lässt, um die Basis für ein auf die gesamte Lebensdauer betrachtet möglichst wirtschaftliches Projekt zu legen. Es geht nicht nur um den punktuellen Einsatz digitaler Technologien etwa für pünktliche Anlieferungen – sondern ein generelles Umdenken beim Planen und Steuern großer Infrastrukturprojekte.

Vom Digital Engineering bis zum Digital Twin konsequent jede Möglichkeit nutzen

Mit Blick auf die Möglichkeiten digitaler Technologien sind im modernen Projektmanagement drei Bereiche zu betrachten. Erstens die Konstruktionsplanung der Anlagen mithilfe des Digital Engineering. Lösungen etwa für Computer Aided Design (CAD) oder Building Information Modeling (BIM) erleichtern es, Anlagen und Prozesse zu entwerfen. Zweitens die Suche nach Lösungen zum optimalen Betrieb der Infrastruktur über die gesamte Lebensdauer, die schon von Anfang an mitgedacht werden sollten. Im Rahmen des Digital Engineering ist hier insbesondere der Digital Twin zu nennen. Wer bereits in der Planung eine Anlage per digitalem Zwilling abbildet, erleichtert sich später die vorausschauende Wartung oder auch Simulationen, wie in bestimmten Situationen die bestmögliche Steuerung aussehen könnte. Dafür sollten in der Bauphase die Voraussetzungen geschaffen werden, indem eine permanente Überwachung der Anlage im Betrieb vorbereitet wird – etwa durch einen sinnvollen Mix von Komponenten der Industrie 4.0 und des Internet der Dinge (IoT). Drittens lässt sich das konkrete Projektmanagement bei der Realisierung mit entsprechenden Lösungen optimieren. Hier reicht die Bandbreite im digitalen Austausch mit Geschäftspartnern oder Behörden von Einkauf und Logistik über Vertragsmanagement und aktueller Prozessplanung bis zur Sicherung der Wegerechte sowie der Dokumentation von Genehmigungen.

Ein modular aufgebautes Command Center optimiert die Steuerung auch im Betrieb

Ein umfassendes Asset-Lifecycle-Management großer Infrastrukturprojekte ist anspruchsvoll, aber machbar. Digitale Lösungen für damit verbundene technische, fachliche sowie Managementfragen existieren und können in einem Command Center zusammengeführt werden. Über entsprechende Schnittstellen stehen Daten aus ERP, CRM, Digital Engineering oder anderen Bereichen so zentral zur Verfügung und ermöglichen Projektmanagern bei vielen Fragen innerhalb kürzester Zeit die bestmögliche Entscheidung. Energieerzeuger und -verteiler können solch einen Projektleitstand im eigenen Unternehmen installieren oder über einen Dienstleister betreiben lassen. Als modular aufgebautes Baukastensystem lässt sich dieses Command Center um die jeweils erwünschten Themen erweitern. Der Nutzer kann also je nach Bedarf mit nur einigen wenigen Funktionalitäten für besseres Projektmanagement in der Bauphase starten. Oder gleich auch auf das Management sowie Auswerten zusätzlicher Daten im späteren Betrieb setzen, um Anlagen künftig optimal fahren zu können. Nur eins sollten die Verantwortlichen dringend tun: Das Projekt- und Asset-Lifecycle-Management ernst nehmen. Sonst könnten Zeitverzögerungen, signifikante Kostenzuwächse oder reaktionsschwache Anlagen die Energiewende doch noch behindern. Das ist definitiv vermeidbar: Die erforderlichen Konzepte und Technologien zur besseren Trassenplanung und -steuerung stehen schon jetzt auf Abruf bereit.

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Jürgen Morath

Managing Director – Accenture Strategy


Simon Eggers

Managing Director – Versorgungswirtschaft | DACH

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