Das Stromnetz überzieht die ganze Welt so wie das Nervensystem den Körper. Längst besteht die Reise des Stroms aus mehr Zwischenstationen als Kraftwerk – Leitung – Verbraucher. Dezentrale Energieerzeugung auf dem Dach, die zunehmende Elektrifizierung der Industrie und der Mobilität und dazu immer mehr Verbraucher, die von fossilen Brennstoffen auf möglichst CO2-neutrale Wärmeenergieträger umsteigen wollen – das alles fordert neue Lösungen, Techniken und Strategien.

Für die Energieunternehmen öffnet sich weltweit eine Welt voller Möglichkeiten. Das zeigt sich auch in Accentures Forschung zum „Digital Enabled Grid“ und der daraus entstandenen Studie „The charge for change – Powering distribution businesses for the energy transition“. Nach mehr als einem halben Jahrhundert der mehr oder weniger gleichförmigen Geschäftsmodelle als Commodity-Händler und -Verteiler starten mit dem Energiewandel anspruchsvolle IT-Projekte, mit denen die neue Welt der Energie beherrschbar wird. Man darf sogar behaupten, dass die Energiewende zum größten IT-Projekt der Energieversorger wird.

 Der Wandel beginnt jetzt

Es sind vor allem die Themen dezentrale Erzeugung, Wärmeerzeugung, Speicherlösungen und Organisation der Elektromobilität, die den Kipp-Punkt hervorrufen werden, an dem das alte Verteilermodell, bei dem der Strom von einigen wenigen Kraftwerken zu den Häusern und Fabriken fließt, in weiten Bereichen gegen ein anderes, neues ausgetauscht sein wird. Vonseiten der Politik wird der Zeitpunkt, an dem CO2-Neutralität und alternative Energien die fossilen Brennstoffe größtenteils verdrängt haben werden, notwendigerweise immer weiter vorgezogen, wie sich mit dem kürzlich im Bundestag beschlossenen Klimaschutzgesetz deutlich zeigt.

In dem neuen Klimaschutzgesetz ist das neue nationale Ziel verankert, bis 2045 treibhausgasneutral zu werden. Ursprünglich hatte sich Deutschland die Klimaneutralität erst bis 2050 vorgenommen. Um diese Beschleunigung auszugleichen, wird der Ausbau der erneuerbaren Energien Vorrang bekommen und auch die Infrastruktur wird schnellstmöglich modernisiert werden müssen.

Vor allem die Infrastruktur der Stromnetze ist es, die derzeit für viele Bürgerinnen und Bürger den Wechsel zum E-Fahrzeug ausbremst. Ladepunkte für E-Fahrzeuge werden in großer Zahl entstehen müssen, wenn wie geplant bis 2030 der Anteil der E-Autos die Zahl der Benziner und Dieselfahrzeuge übersteigen soll. Für dieses Ziel stellt die deutsche Regierung 5,5 Milliarden Euro bereit. 1

Mehr als eine Steckdose

Für Energieversorger ist aber klar: Es gibt einige Einflussfaktoren und Veränderungen mehr, die die Distribution und Organisation des Stromflusses komplexer werden lassen. Zum Beispiel die Möglichkeiten der Speicherintegration, die Power-to-heat-Technik, die dezentrale Stromerzeugung und die zunehmende Einbindung von CO2-neutralen, nachhaltigen Energiequellen mit all ihrer Unvorhersagbarkeit.

Für die Energieerzeuger und -versorger steht die große Aufgabe an, die Stromproduktion und den Verbrauch mit Lastspitzen und Lücken auf Erzeugungs- und Abnahmeseite zu managen.

Ein Schlüssel zum Erfolg ist die Batterieforschung. Ein anderer die Einbindung der Industrie als großer Verbraucher, der als regelndes Element zwischen Nachfrage und Angebot und somit als wesentlicher Bestandteil eines Flexibilitätsmanagements dienen kann.

Doch allem voran steht die Aufrüstung des Netzes mit Sensoren und anderen Datenquellen, die in Echtzeit Leistungsdaten an jeden Knotenpunkt übermitteln. Was den Energiewandel zum IT-Projekt macht, ist die Notwendigkeit, diese Daten zu analysieren, um sowohl die aktuelle Verteilung der Last im Netz zu beobachten als auch gute Vorhersagen treffen zu können, wie mögliche Herausforderungen (z. B. Engpässe im Netz) geregelt werden können. Planbare Flexibilität – das ist das Stichwort. Und das wird umso wichtiger, je höher der Anteil an Wind- und Sonnenenergie wird. Zudem werden die extremen Wetterereignisse auch in Deutschland zunehmen und mehr Resilienz vom Stromnetz fordern.2  

Die Chancen stecken in den Daten

Die Situation in Deutschland derzeit: Über das ganze Jahr gesehen, wird mal zu viel, mal zu wenig Strom produziert. Mal helfen die Pumpspeicher in Österreich aus, die überschüssigen Strom aufnehmen oder wieder zur Verfügung stellen, aber auch der Strom aus Ländern, die verstärkt auf Atomenergie setzen.

Strom ist längst eine grenzüberschreitende Ware. Auch der Energiehandel ist auf gute Infrastruktur und sichere Daten angewiesen.

Es gibt bereits Unternehmen und Initiativen, die erkannt haben, welches Potenzial in neuen Technologien steckt, um kundenzentrierte Geschäftsmodelle und Angebote zu schaffen. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass sich die Verteilernetzbetreiber jetzt positionieren, um diese zukünftigen Möglichkeiten zu nutzen.

Das virtuelle Kraftwerk (VPP) von sonnen3, einem der weltweit führenden Hersteller von intelligenten Stromspeichern, im Nordosten Deutschlands bündelt zum Beispiel Windenergie, die sonst nicht ins Netz eingespeist werden könnte. Außerdem verwaltet das Unternehmen ein VPP-Projekt in Kalifornien mit 3.000 Haushalten in Zusammenarbeit mit der Wasatch-Energy-Gruppe.

Ein weiteres Beispiel sind Plattformen wie „enera“4 in Deutschland, ein Zusammenschluss von 32 Partnern, die eine lokale Marktdynamik aufbauen, um lokale Netzüberlastungen durch lokales Flexibilitätsmanagement zu vermeiden.

Ein wichtiger Schritt ist also die Kooperation, um das bundesweite Stromnetz trotz seiner zersplitterten Marktstruktur zu regeln. Auch grenzüberschreitend und europaweit – für kurze Wege und Flexibilität.

Im Kleinen starten, im Großen gewinnen

Ganz gleich wie eine solche Kooperation, Plattformen oder auch Einzellösungen zur Regelung des Stromflusses und seiner Distribution aussehen: Den Kern bilden die Daten, ihre Analyse und Berechnung.

Die Umsetzungsschritte der Energiewende verkürzen sich, und Energieversorger tun gut daran, jetzt eine durchdachte, saubere Datenstrategie zu entwickeln. Basis dafür ist die Entwicklung einer Plattform, die Daten bündelt, verbindet und auswertet.

Wer hier frühzeitig mit Prototypen in kleinen Bereichen Pilotprojekte startet und sie mit der Plattform iterativ weiterentwickelt, hat gute Chancen, den Anschluss an das sich gerade bildende Ökosystem des datengesteuerten Stromnetzes, dem Digital Enabled Grid, nicht zu verlieren, und schafft zugleich die Grundlage für neue Geschäftsmodelle.

Wie sehen Sie das? Sehen die Energieversorger die Chancen des Energiewandels, oder werden es Start-ups sein, die den Markt aufrollen? Schreiben Sie mir, ich freue mich auf ein Gespräch mit Ihnen.

 

Quellen:

(1): Seite 8, The charge for change

(2): Belastbar durch jedes Wetter

(3): Sonnen

(4): Enera

Timo Graf

Leiter Übertragung und Distribution – Versorgungswirtschaft | Dach

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