So kann die Verwaltung datenbasiert Entscheidungen fällen

COVID-19 hat gezeigt, dass politische Entscheidungen über Lockdowns, Lockerungen, Masken- oder auch Testpflicht auf Basis von Daten getroffen werden. Neu war die Transparenz, mit der diese Daten in der Öffentlichkeit diskutiert wurden. Das RKI-Dashboard oder das Dashboard der John Hopkins University wurden zum bisherigen Höhepunkt der Pandemie nahezu täglich in den Medien zitiert. Auch wenn epidemiologische Daten einen hohen wissenschaftlichen Standard haben, gab es doch regelmäßig Diskussionen um einzelne Indikatoren wie beispielsweise die Verdopplungszahl oder den R-Wert. Für die Öffentliche Verwaltung gilt es, schrittweise über ein angemessenes Maß an Beschränkungen oder Lockerungen zu entscheiden und deren Wirksamkeit laufend zu überprüfen. Parallel muss sie dafür Sorge tragen, dass Kapazitäten zielgerichtet aufgebaut und Ressourcen gelenkt werden.

Mehrdimensionale Perspektiven

Das Problem: Mediziner sind keine kompetenten Ansprechpartner, was die ökonomischen Folgen eines Lockdowns angeht und Wirtschaftsexperten können nicht abschätzen, wie sich eine Pandemie entwickelt.

Ergänzend zu den bisher in Dashboards aufgeführten gesundheitlichen Daten sind ökonomische und gesellschaftliche Dimensionen einzubeziehen sowie Kennzahlen aus dem Bereich Daseinsvorsorge/Sicherheit. 

Ein Dashboard, das auf Knopfdruck Daten liefert und auch deren Entwicklung in Szenarien simuliert, hilft fundierte Entscheidungen zu treffen. Lockerungen oder Beschränkungen können simuliert werden und damit Konsequenzen in unterschiedlichen Dimensionen abgewogen werden. Es ließe sich beispielsweise simulieren, wie sich clusterartig auftretende Infektionsszenarien in Schulen auf die Wirtschaftsleistung in ausgewählten Branchen auswirken.

Digital aufbereitet mit Trendanzeige, farblichen Markern und der Möglichkeit, zusätzliche Datensätze miteinzubeziehen, können solche Dashboards der Öffentlichen Verwaltung wichtige Kennzahlen liefern.

Wie immer: Die Technik ist nicht das Problem

Die Werkzeuge und Technologie sind wie immer nicht das Problem, denn es gibt eine Vielzahl an technologischen Lösungen und Komponenten. In untenstehender Abbildung sind diese in den vier Bereichen Datenhaltung, Datenintegration, Analytics und Visualisierung zusammengefasst:

Besondere Herausforderung in Deutschland ist die Digitale Souveränität bei der Auswahl der geeigneten technologischen Lösung. Sollten schutzbedürftige Daten zum Einsatz kommen, muss das Dashboard die Anforderungen der digitalen Souveränität erfüllen.

Die vier Knackpunkte: Verfügbarkeit, Auswahl, Modellierung und Interpretation

Worauf kommt es bei der Erstellung von Dashboards an? Die Interpretation von Daten wurde eingangs bereits genannt. Darüber hinaus sind die Verfügbarkeit, Auswahl und die Modellierung von Daten kritisch. Es gibt also mindestens vier Stellen, an denen über Dashboards unterschiedliche Blickwinkel auf die Realität erzeugt werden.

Datenverfügbarkeit und Datenauswahl: Die durch das Informationsweiterverwendungsgesetz umgesetzte PSI-Richtlinie, "Open-Data-Gesetz" (§ 12 a EGovG) und weitere Regelungen ermöglichen zunehmend die freie Nutzung von öffentlichen Daten, wie beispielsweise Wetterdaten oder geografische Informationen. Auch die aktuelle Datenstrategie der Bundesregierung strebt an, die Datenbereitstellung zu verbessern und Datenzugänge zu sichern. Unser COVID-Dashboard-Prototyp zeigt, dass einige Daten öffentlich verfügbar sind, insbesondere die epidemiologischen Daten. Zur Bekämpfung von COVID-19 hat Google Bewegungsdaten je Bundesland und in verschiedenen Kategorien öffentlich zur Verfügung gestellt. Die Mehrzahl der relevanten Daten müssen allerdings noch erhoben oder verfügbar gemacht werden.
Dazu könnten bestehende Plattformen wie das DIVI-Portal weitere Daten von Kliniken zur Verfügung stellen wie beispielsweise Angebot und Bedarf an medizinischem Material. Auch die digitalen Kassen- und Scannerdaten könnten für alle Lebensmittelkategorien und je Region verfügbar gemacht werden. So könnten Engpässe frühzeitig erkannt und Maßnahmen rechtzeitig eingeleitet werden. Die Auswahl der Daten richtet sich nach den Zielen der Entscheider und was mit dem Dashboard erreicht werden soll. Daten, die nicht ausgewählt werden, sind schon keine Entscheidungsdimension mehr und daher sollte bereits in der sehr frühen Phase transparent von allen Beteiligten festgelegt werden, welche Ziele man verfolgt und Annahmen dokumentiert werden.

  • Datenmodellierung und Dateninterpretation: Hinter der Oberfläche des Dashboards stecken die Wirkzusammenhänge der einzelnen Kennzahlen. Diese basieren auf wissenschaftlichen Modellen aus Ökonomie, Soziologie, Mathematik und Medizin. Ein interdisziplinärer und kollaborativer Erstellungsprozess ist daher unabdingbar, um die unterschiedlichen Fachdomänen in einem Dashboard zusammen zu führen. Priorisierungen oder Festlegungen beispielsweise von Grenzwerten bei Infektionen je Region sind von diesen Modellen zwar beeinflusst, aber letztlich eine politische Entscheidung. Erforderlich ist eine laufende Verbesserung der Wirkmodelle, Repriorisierung und Anpassung der Kennzahlen und Zielwerte an aktuelle Fragestellungen. Für die Dateninterpretation ist letztlich auch eine entsprechende Datenkultur und Datenkompetenz bei Entscheidern und Bevölkerung wichtig, damit nicht überzogene Erwartungen an Tools wie Dashboards gestellt werden.
Der Weg zur datengetriebenen Steuerung von Ministerien und Behörden

Auch wenn COVID-19 mehr Dashboards und Kennzahlen wie den R-Wert populär gemacht haben: In der Verwaltung ist es eher ungewöhnlich, datenbasierte Simulationen und Wahrscheinlichkeiten zu berechnen. Und doch gibt es Annäherungen an erste Dashboards-Ansätze, wenn auch wenige. So macht beispielsweise die Bundesregierung Fortschritte bei der Umsetzung ihrer Digitalstrategie und der Visualisierung in einem Dashboard, veröffentlicht auf www.digital-made-in.de

Dabei bieten Dashboards die Chance, Verwaltungshandeln transparent zu machen und ergebnisorientiert darzustellen. Und es kann Erfolge sichtbar und nachverfolgbar machen, zeigt, ob Ziele erreicht wurden und wird so zu einer wichtigen Instrumententafel. Ein politisches Programm, strategische Beschlüsse, unbestreitbare Kennzahlen von Gestern, Heute und Morgen – all das lässt sich damit sichtbar machen. Und zwar heruntergebrochen auf die gewünschte Entscheider-Ebene und deren Verantwortungsbereich – vom Ministerium bis zum Bürgermeister.

 

Dr. Mario Walther

Geschäftsführer – öffentliche Verwaltung DACH

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