Die zirkuläre Zukunft kommt; nun müssen Abfall-, Recycling- und Chemieunternehmen sie gemeinsam gestalten

Diese Zeitungsmeldung vor wenigen Wochen ließ mich aufhorchen: „Türkei stoppt Einfuhr von Europas Plastikmüll.“ Das bedeutet, die 136.000 Tonnen an Plastikabfall, die allein Deutschland jedes Jahr in die Türkei liefert, müssen nun woanders aufbereitet werden. Die Türkei ist freilich nur eines von vielen Ländern, das solche Abfälle nicht mehr annimmt. Das zeigt drei Dinge: Es fällt zu viel Plastikmüll an, die Rückgewinnung der Rohstoffe ist zu aufwendig und teuer und die Lieferketten der Recyclingwirtschaft sind zu komplex. Es ist höchste Zeit, etwas zu ändern!

Der Druck wird nämlich weiter steigen: Ab 2022 müssen mindestens 63 Prozent der Kunststoffverpackungen in Deutschland recycelt werden. Andere Länder gehen ähnliche Wege oder schreiben einen Mindestanteil an wiederverwerteten Materialien in Verpackungen vor. Die EU arbeitet ebenfalls an einem Vorschlag, mit dem Ziel, den Recycling-Anteil in Verpackungen deutlich zu erhöhen. Hinzu kommt, dass auch bei den Verbrauchern ein Umdenken einsetzt: Die Nachhaltigkeit eines Produktes ist für viele Menschen ein wichtiger Kaufaspekt; sie sind sogar bereit, dafür einen Aufpreis zu zahlen.

Die Chemiewirtschaft hat die wachsende Bedeutung der Kreislaufwirtschaft verstanden und stellt sich für eine zirkuläre Zukunft auf. Evonik etwa hat jüngst eine konzernweite Initiative angekündigt, die Lösungen für die gesamte Wertschöpfungskette des Kunststoffkreislaufes bündelt. Dennoch bleiben im Alltag viele praktische Probleme ungelöst. Das größte Hindernis ist nämlich nicht, dass die Technologien zur Aufbereitung von Plastikmüll oder innovative, nachhaltige Materialien nicht vorhanden wären. Das Problem ist, dass für zirkuläre Rohstoffe noch kein funktionierender Markt existiert – und das nicht nur, weil die Kosten hoch sind, sondern auch, weil zirkuläre Modelle heute oft ineffizient organisiert sind. Deshalb bin ich überzeugt, dass die zirkuläre Wende nur gelingen kann, wenn Chemieunternehmen und die Abfall- und Recyclingwirtschaft an einem Strang ziehen.

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Kooperation und Technologie sorgen für mehr Wettbewerbsfähigkeit

Um das zu ändern, gibt es zwei Ansatzpunkte. Einerseits muss das Sammeln, Sortieren und Verarbeiten von Plastikmüll einfacher werden. Zum anderen sind enge Kooperationen zwischen allen Partnern der Wertschöpfungskette in zirkulären Modellen nötig, um Angebot und Nachfrage an Rezyklaten in Einklang zu bringen und einen funktionierenden Markt dafür zu entwickeln. Auf diese beiden Punkte will ich nun näher eingehen.

> Recycling

Die erste Hürde ist die Sortierung der Materialien vor der Aufbereitung. Das ist bisher ein äußerst komplexer Prozess, da verschiedene Kunststoffe – oft in verschiedenen Farben und mehreren Schichten – zusammen mit anderen Rohstoffen verarbeitet sind. Das hat drastische Konsequenzen: Wir gehen davon aus, dass heute etwa 70 Prozent aller Materialien am Ende des Lebenszyklus nicht recycelt werden, weil sie entweder aus dem Kreislauf „verschwinden“ oder aber nicht materialrein aus den Produkten oder Verpackungen entfernt werden können.

Ein Weg, um das zu ändern, ist, das Produkt- und Verpackungsdesign anzupassen. Ein modulares Design würde helfen, die unterschiedlichen Komponenten nach Ende der Lebenszeit eines Produktes ohne Aufwand voneinander zu trennen. Bei Verpackungen sollten die Materialien möglichst nur aus einem Rohstoff bestehen. Wo es wegen der Produktanforderungen zwingend nötig ist, mehrere Materialien zu nutzen, sollten diese leicht trennbar sein. Kleine Anpassungen werden kaum reichen, stattdessen werden wir viele Produkte und Verpackungen von Grund auf neu konzipieren müssen, um den Anforderungen der Kreislaufwirtschaft gerecht zu werden. Dabei ist auch die Chemiewirtschaft gefragt, die mit leistungsfähigeren Materialien der Zirkularität einen wichtigen Schub geben kann.

Ein weiterer Weg besteht darin, die aufwendige Sortierung des Plastikmülls zu verbessern. Mithilfe von Machine Learning werden bereits heute in ersten Pilotprojekten die Abfälle in den Sortieranlagen per Kamera gescannt, über einen Algorithmus ausgewertet, bestimmten Rohstoffgruppen zugeordnet und automatisiert getrennt. Ein digitaler Produktpass könnte diesen Vorgang zukünftig noch einfacher machen: Der Pass enthält – auf einem Chip oder Barcode gespeichert – genaue Informationen, aus welchen Materialien ein Produkt oder eine Verpackung besteht. Mithilfe der Blockchain könnten diese Informationen nicht nur sicher und eindeutig identifizierbar gespeichert werden; jeder einzelne Zulieferer hätte die Möglichkeit, die Materialzusammensetzung für sein Bauteil oder seine Komponente dort zu hinterlegen.

Die Speicherung solcher Daten hätte zudem den Vorteil, dass genau ermittelt werden kann, wie hoch der Recyclinganteil eines Produktes ist. Diese Informationen könnten die Materiallieferanten zunächst den Markenherstellern zur Verfügung stellen. Diese wiederum kommunizieren es an die Verbraucher, um die Nachhaltigkeit eines Produktes zu belegen. Das würde die Glaubwürdigkeit ihrer Maßnahmen erhöhen und könnte im Marketing ein entscheidender Pluspunkt sein.  

> Kooperation

Der Druck der Regulierer, mehr Plastikabfall zu recyceln, wird dazu führen, dass mehr Rezyklate am Markt verfügbar sind. Damit stellt sich die Frage, wie diese wieder in den Kreislauf eingebunden werden. In vielen Fällen ist es für Abfallmanager schwer, Kunden für recycelte Rohstoffe zu finden; gleichzeitig fehlt Unternehmen, die in neue Recycling-Technologie investieren wollen und einen Business Case dafür entwickeln, der Überblick, wo welche zirkulären Rohstoffe in welcher Menge verfügbar sind.

Hier ist eine engere Kooperation über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg gefragt: Chemiefirmen könnten in wesentliche Prozesse der Abfallwirtschaft eingebunden werden, um die Verfügbarkeit und die Qualität der zirkulären Rohstoffe bereits in einem frühen Stadium zu beeinflussen. Umgekehrt sollten die Recycling-Firmen viel stärker Teil der Rohstofflieferketten der Chemiefirmen werden. Über Plattformen könnte ein weitgehend automatisierter Markt für Rezyklate entstehen, der die bei fossilen Rohstoffen erreichbaren Skaleneffekte greifbarer erscheinen lässt.

Klar ist, dass Chemieunternehmen den Trend zu mehr Zirkularität nicht ignorieren können. Das wird ihr heutiges Geschäft erheblich verändern. Deshalb ist es höchste Zeit, sich für die zirkuläre Zukunft so gut wie möglich aufzustellen und dabei nicht nur in Technologien und Materialinnovation zu investieren, sondern auch frühzeitig Kooperationen aufzubauen. Wenn die zirkuläre Wende erst einmal an Fahrt aufnimmt, haben die „Early Movers“ einen erheblichen Wettbewerbsvorteil.

Sie wollen mehr erfahren? Lesen Sie auch unsere gemeinsame Studie mit Cefic „Winning in a Circular Economy

Michael Ulbrich

Managing Director – Global Chemicals Sustainability Lead

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