Ohne strategische Planung kann die neue ERP-Generation ihr volles Potenzial nicht entfalten

„Gut Ding will Weile haben“ – so umschreibt der Volksmund, dass jemand eine Entscheidung verzögert, weil er den passenden Zeitpunkt noch nicht für gekommen hält. In diesem Sinne wird derzeit scheinbar vielerorts das Thema Enterprise Resource Planning (ERP) betrachtet. Zwar weiß jeder, dass die aktuell in den meisten Konzernen installierte ERP-Systemgeneration von SAP ein Auslaufmodell ist – Wartung und Support enden 2027. Und jeder kennt den Nachfolger – SAP S/4HANA steht seit 2015 bereit. Trotzdem sind bislang erst wenige Nutzer auf das Zukunftsmodell umgestiegen. Ende 2019 gaben 70 Prozent der für eine Lünendonk-Studie Befragten an, erst nach 2022 mit der Umstellung starten zu wollen.

Die meisten installierten SAP-Systeme sind in die Jahre gekommen: Abgebildete Geschäftsprozesse basieren oft auf bis zu zwei Jahrzehnte alten Designs. Punktuell wurde zwar optimiert und mit kleineren Bots automatisiert. Doch ein radikales Design – zum Beispiel eine vollautomatische Auftragsabwicklung und Produktionsplanung, wie sie in anderen Industrien üblich und technisch überall machbar ist – findet in der Chemie-Industrie und anderen Grundstoffindustrien noch keinen Einsatz. Differenzierende Geschäftsprozesse, etwa die Verknüpfung von Produkten mit intelligenter Dienstleistung, bleiben die Ausnahme. Die Zahl der über Webshops und Schnittstellen angelegten Aufträge liegt meist immer noch unter 50 Prozent. Zum Teil bestellen Kunden im Jahr 2020 noch mit E-Mail oder sogar Fax. Auch für die Nutzer eines SAP-Systems hat sich in den vergangenen 20 Jahren wenig Grundlegendes getan. Bildschirmmasken und Transaktionscodes sind unverändert. Eine einfache, intuitive Bedienung, die auch mobile Geräte unterstützt, bleibt die Ausnahme. Die Applikationsarchitekturen sind meist starr und ungeeignet, um innovative sowie sich ständig verbessernde Prozesse zu unterstützen und schnell umzusetzen. Technologien wie künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen kommen praktisch gar nicht zum Einsatz. Die SAP-Systeme selbst sind meist mit umfangreichen Eigenentwicklungen verwoben, von denen oft mehr als 70 Prozent gar nicht mehr benutzt werden oder in den SAP-Standard überführt werden könnten. 

S/4HANA erfordert mehr als eine rein technische Migration

Die lange Liste der Handlungsfelder muss nachdenklich stimmen. Sollte also besser ein anderes berühmtes Zitat beherzigt werden? „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ – klingt bedrohlich für jene, die den Umstieg auf S/4HANA hinauszögern. Doch so einfach ist das nicht. Tatsächlich bleibt die neue Funktionalität und Innovation von SAP S/4HANA hinter den Erwartungen zurück. Bereits mit der ersten Version von 2015 hatte SAP zwar umfangreiche Verbesserungen im Finanzbereich zur Verfügung gestellt. In den Folgejahren wurden auch das Transportmanagement erneuert, Funktionalität für Produktions- und Feinplanung integriert, diverse Echtzeitanalysen aufgebaut und die Zahl von neuen bedienungsfreundlichen Transaktionen (Fiori Apps) ausgebaut. Aber die Vorteile der neuen Funktionalitäten reichen isoliert betrachtet nicht, um einen Wechsel auf die neue Plattform zu rechtfertigen. In der Konsequenz bringt eine rein technische Umstellung auf S/4HANA, die auch häufig als „Brownfield“-Migration bezeichnet wird, keinen deutlichen Geschäftswert.

Dennoch: Jedes zweite 2019 befragte Unternehmen plant laut Lünendonk-Studie eine eher ambitionslose „Brownfield“-Migration und will beim Umstieg weder Prozesse noch Geschäftsmodelle aus Sicht der neuen ERP-Lösung hinterfragen – eine fatale Fehleinschätzung der strategischen Bedeutung von S/4HANA. Das System ist leistungsfähiger, vielseitiger und insbesondere flexibler als der Vorgänger: Über Programmierschnittstellen lassen sich an das von SAP entwickelte kaufmännische Herz des Unternehmens künftig komfortabel und modular zahllose spezielle Softwarelösungen anbinden. Das verbessert die IT-Architektur erheblich – man muss die damit verbundenen Chancen aber auch nutzen.

Am Digital Core können Speziallösungen via Cloud andocken

Das kaufmännische Herz des Unternehmens, oft auch als S/4HANA „Digital Core“ oder „System of Records“ bezeichnet, kümmert sich um die ordnungsgemäße Abwicklung von Aufträgen, Bestellungen, Produktionsaufträgen, Qualitätsprüfungen oder Wartungsaufträgen. Alle Geschäftsprozesse sind in das neue universelle Hauptbuch („Universal ledger“) und Controlling integriert. Die Optimierung von Supply Chain, Customer Relationship Management oder Omnichannel Sales lassen sich mittlerweile deutlich besser in Speziallösungen aus der Cloud abbilden („Systems of differentiation“). Vermehrt kommen hier auch Lösungen von Konkurrenten der SAP zum Einsatz, die sich mit S/4HANA reibungslos einbinden lassen. Für die Abbildungen stark differenzierender Geschäftsprozesse kommen die modernen Entwicklungsplattformen von Microsoft, Amazon und Google zum Einsatz. Sie werden häufig auch als „Platform for Innovation“ bezeichnet. Die eigene Lösung von SAP, die SCP (SAP Cloud Platform), hat bis dato noch keine große Verbreitung gefunden. Spezifische Lösungen, etwa die automatische Berechnung einer Farbrezeptur anhand eines Bildes des gewünschten Farbtons, die automatische Dosierung von Anti-Oxidationsmitteln unter Berücksichtigung von Wetter und Materialzustand, die individuelle Beimischung von Additiven oder die automatische Nachbestellung beispielsweise von Schmierstoffen und Lösemitteln, lassen sich mit diesen Plattformen einfach umsetzen. 

Die Chemie-Industrie steht vor großen Herausforderungen: Ein intelligenter Digital Core hilft bei der Lösung

Nach Jahrzehnten kontinuierlichen Wachstums steht die Chemie-Industrie vor großen Herausforderungen. Die Kreislaufwirtschaft und Digitalisierung (beispielsweise in der Agrochemie) führt zu gleichbleibenden oder gar sinkenden Produktionsvolumina. CO²-Neutralität sowie nachhaltige Materialien stellen völlig neue Anforderungen an die Produktion und vor allem an After Sales. Mit der Umstellung auf die nächste ERP-Systemgeneration und einer starken „Platform for Innovation“ eröffnen sich ungeahnte Handlungsoptionen. So erlaubt etwa die Kombination von S/4HANA mit Analyse-Software aus der Cloud das Verfolgen und Bepreisen von um digitale Komponenten und Services ergänzte Produkte über deren Lebenszyklus. Ein Chemie-Unternehmen könnte den Weg seiner Chemikalien von der Herstellung über die Nutzung bis zum Recycling dokumentieren und Kunden passende Dienstleistungen für jede Station von Cradle to Cradle anbieten. Auch Prozesse lassen sich End-to-End optimieren. Tracking-Software könnte die Positions- und Inhaltsbestimmung von Containern übernehmen und mithilfe der Stammdaten im ERP-System regelmäßig entsprechend dem Materialverbrauch automatisiert Rechnungen stellen und Nachlieferungen auslösen. Mit der klugen und ambitionierten Einführung von S/4HANA startet so ein Business Process Reengineering der nächsten Generation. 

S/4HANA-Migration erfordert eine gute strategische Planung

Wer auf S/4HANA umsteigen will, sollte zunächst per kritischer Bestandsaufnahme ermitteln, wo er mit seinem Geschäftsmodell und seinen Prozessen steht. Dann sollte er prüfen, welche End-to-End-Prozesse sich mithilfe innovativer Softwarelösungen, die am Digital Core andocken können, konsequent aus Kundensicht optimieren lassen. Und ob neue Geschäftsmodelle mithilfe von S/4HANA (leichter) realisierbar sind, etwa der Anschluss an Handelsplattformen oder das Angebot datenbasierter Services. Weil wertschöpfende Prozesse sich künftig besser mit dem ERP-Kern koppeln und so in Zahlen fassen lassen, gibt es eine solidere Basis für strategische Entscheidungen über neue Geschäftsmodelle ebenso wie für Weichenstellungen in der Produktentwicklung oder Verbesserungen operativer Abläufe. Dazu muss sich der Vorstand intensiv mit dem strategischen Potenzial von S/4HANA auseinandersetzen, und in den Fachabteilungen muss eine generelle Vorstellung existieren, wie der Digital Core in Kombination mit spezifischen Softwarelösungen ihre Arbeit oder Angebote verbessern könnte. Dann kann ein Business Case für die ERP-Migration erstellt und der richtige Weg gewählt werden. 

Überlegt zwischen Brownfield- und Greenfield-Ansätzen wählen

Die Wahl der richtigen Umstellungsstrategie ist anspruchsvoll, weil es in S/4HANA-Projekten um – manchmal umfangreiche – individuelle Anpassungen bei Prozessen und Geschäftsmodellen geht. Die Bandbreite reicht vom Brownfield-Ansatz, einer technisch orientierten Umstellung auf die neue S/4HANA-Technologie, bis zum transformationalen Greenfield-Ansatz – S/4HANA löst hier massive konzernweite Standardisierung, Automatisierung und Prozessoptimierung vor dem Hintergrund eines neuen Geschäftsmodells oder zumindest echter Business-Innovationen aus. Zwischen diesen Extremen existieren Abstufungen und Hybrid-Ansätze.

Das Topmanagement muss mit der Unterstützung von erfahrenen Experten den besten Weg identifizieren und erfolgreich beschreiten. Ein Lacke- und Farbenhersteller etwa dürfte am grundlegenden Geschäftsmodell, dem Verkauf existierender und neuer Lacksysteme, wenig ändern. Interessant wäre der Aufbau von Onlineshops oder der Anschluss an Verkaufsplattformen. Hier empfiehlt sich ein hybrider Brownfield-Ansatz: klassische Migration plus die mit S/4HANA einfacher möglichen Verbesserungen von Onlinevertrieb, Pricing und After Sales. Anders sieht das bei einem Chemiekonzern aus, der über Zukäufe gewachsen ist, weitere Übernahmen plant, nach Kostentransparenz strebt und Antworten auf die Herausforderungen der Kreislaufwirtschaft sucht. Hier empfiehlt sich ein ambitioniertes Greenfield-Projekt, also die umfassende Standardisierung und Optimierung der Prozesse beim ERP-Umstieg für mehr Effektivität, Effizienz und Transparenz. Sowie zugleich eine Prüfung wie die mit S/4HANA verbundenen Möglichkeiten helfen, das Geschäftsmodell insgesamt sowie einzelne Angebote für Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit weiterzuentwickeln. Darin liegt das Potenzial von S/4HANA – nicht im fantasielosen Schaufeln vorhandener Daten in eine neue ERP-Lösung.

Götz Erhardt

Senior Managing Director – Strategy & Consulting, Resources, Europe

ABONNEMENT-CENTER
Melden Sie sich bei unserem Accenture Blog für die Chemiebranche an Melden Sie sich bei unserem Accenture Blog für die Chemiebranche an