Vertical Indoor Farming (VIF) steigert die Erträge, senkt die Kosten und verbessert den ökologischen Fußabdruck. Unternehmen der Agrochemie brauchen jetzt schnell Konzepte, wie sie diesen Trend für ihr Geschäft nutzen.

Die Landwirtschaft steht vor massiven Herausforderungen. Weltweit wächst die Bedeutung von Nachhaltigkeit, Klima- und Artenschutz. In Europa beispielsweise soll der Green Deal der EU den CO2-Ausstoß erheblich senken, bis 2030 um 55 Prozent. Strengere Vorgaben zum Einsatz von Dünger und Pestiziden dienen einem verstärkten Wasser- oder Tierschutz, Stichwort Nitratbelastung und Bienensterben. Andererseits muss die Agrarindustrie 2050 zehn Milliarden Menschen ernähren – 25 Prozent mehr als heute. Ohne Ausweitung der Lebensmittelproduktion dürfte dies kaum gelingen. Hier aber gibt es Grenzen. Schon jetzt verantwortet die Landwirtschaft 70 Prozent des globalen Wasserverbrauchs und 20 Prozent der Klimagasemission. Einfach mehr produzieren wie bisher ist angesichts einer schon 2025 der Hälfte der Weltbevölkerung drohenden Wasserknappheit keine Option. Außerdem schrumpft durch den Klimawandel die für Ackerbau verfügbare Fläche, ein Drittel leidet bereits unter Erosion. Als Hersteller von Saatgut und Hilfsmitteln sind Agrochemieunternehmen zentrales Element der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette und müssen neue Konzepte mitentwickeln, die eine nachhaltigere Lebensmittelversorgung sichern.

Beim Vertical Indoor Farming sind bis vier- bis sechsmal höhere Erträge möglich

Verstärkt rückt dabei ein seit längerem diskutiertes landwirtschaftliches Produktionskonzept in den Fokus, das nun durchstarten könnte: Vertical Indoor Farming (VIF), der Anbau insbesondere von Obst und Gemüse über mehrere Etagen in Gewächshäusern in oder bei städtischen Verdichtungsräumen. Das Verfahren verspricht mehr Ertrag bei geringerer Umweltbelastung, da die Pflanzen rund ums Jahr unter kontrollierten Bedingungen wachsen. Dies erlaubt mehrere Ernten zum jeweils optimalen Zeitpunkt. Laut US-Studien sind pro Acre VIF-Fläche vier- bis sechsmal höhere Erträge realisierbar als auf entsprechenden Freiflächen. Da sich Bewässerung und Düngung exakt dosieren lassen, gehen die Kosten deutlich zurück. Zugleich wird die Umweltbilanz besser. Der Wasserverbrauch sinkt um bis zu 95 Prozent, weil es im geschlossenen VIF-System bleibt, statt zu verdunsten oder zu versickern. Der Einsatz von Pestiziden kann weitgehend entfallen – im kontrollierten Indoor-Anbau droht kaum Gefahr durch Schädlinge oder Verunreinigungen. Kurze Wege zum Endverbraucher reduzieren außerdem massiv die Transportkosten und ermöglichen den Verzicht auf aufwändige Verpackungen.

Viele Verbraucher wünschen Agrarprodukte aus der Region – VIF kann das erfüllen

Bevor das Vertical Indoor Farming seinen Siegeszug antreten kann, muss sich jedoch der Markt sortieren. Denn betroffen sind die Interessen mehrerer Gruppen, die nicht unbedingt an einem Strang ziehen. Der Einzelhandel spürt einen wachsenden Wunsch vieler Verbraucher nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen aus nachhaltiger Produktion. VIF-Anlagen beim Supermarkt – eventuell mit der Möglichkeit, selbst zu ernten – könnten ein attraktives Angebot sein, falls der Preis stimmt. Landwirten stellt sich die Frage nach ihrer Funktion beim VIF – Anlagen des Einzelhandel bewirtschaften oder selbst Gewächshochhäuser bauen? Unternehmen der Agrochemie müssen für ihre Produkte überlegen, ob sich Neu- und Weiterentwicklungen anbieten, etwa bei Saatgutanbietern. Oder ob ihre Hilfsmittel durch die Präzisionslandwirtschaft generell weniger gefragt und was dann Produktalternativen sind. Dies betrifft etwa Pestizidhersteller. Außerdem spielen Landmaschinenhersteller eine wichtige Rolle – Bewässerungssysteme, Drohnen und Jätroboter bilden das technische Rückgrat des Indoor Farming. Auch neue Mitbewerber könnten beim VIF die Führung übernehmen und andere Marktteilnehmer in ihre Konzepte integrieren.

Die Agrochemie kann unter anderem neue Sorten oder Anbauprotokolle bieten

Für die Unternehmen der Agrochemie steht viel auf dem Spiel. Noch gilt Vertical Indoor Farming als Ergänzungsprodukt. Das Geschäft mit mengenstarken Reihenkulturen wie Getreide oder Soja dürfte es auch nicht so schnell beeinträchtigen. Bei Obst und Gemüse allerdings könnte sich VIF rasch als ökologische Alternative zu Importen aus Südeuropa oder Übersee etablieren. Darauf sollten Saatguthersteller mit Sorten reagieren, die für das Vertical Indoor Farming optimiert sind. Und Hilfsmittelhersteller mit maßgeschneiderten Produkten sowie Anbauprotokollen, die mithilfe digitaler Tools für bessere Erträge sorgen oder den nachhaltigen Anbau dokumentieren. Bayer etwa hat ins Start-up Unfold investiert, das innovatives Gemüsesaatgut entwickeln und so Maßstäbe beim Vertical Indoor Farming setzen soll. Auch andere Saatguthersteller stehen in den Startlöchern, um bestehende Sorten zu verbessern oder mit neuen Sorten das VIF-Geschäft anzukurbeln. Außerdem könnten Hilfsmittelhersteller wie BASF ihre in Präzisionslandwirtschaft oder Vertragsanbau gesammelten Erfahrungen nutzen, um die Bewirtschaftung der Etagen-Flächen zu verbessern und das laufend zu kontrollieren.

Viel Potenzial steckt darin, sich im Zentrum der Supply-Chain zu positionieren

Für Unternehmen der Agrochemie geht es darum, schnell ihre bestehenden Geschäftsmodelle anzupassen und weitere Geschäftsmodelle zu identifizieren. Dann können sie die Entwicklung beim Vertical Indoor Farming mitsteuern, statt zum kleinen Zulieferer oder Dienstleister degradiert zu werden. Eine Option wäre die Vorwärtsintegration: Agrochemieunternehmen bauen selbst an, kooperieren mit dem Einzelhandel und liefern ihm Obst oder Gemüse frisch vom Etagen-Acker ins Verkaufsregal nebenan. Aussichtsreich könnte auch die Entwicklung geeigneter Anbaukonzepte um eigene Hilfsmittel oder Sorten herum sein, angereicht mit der passenden Hardware von Landmaschinenherstellern oder digitalen Informationen und Controlling-Tools. Wer solche Angebote lizenzieren will, muss allerdings wirklich schutzwürdige Konzepte ersinnen, die ihr Geld wert sind. Ebenso denkbar ist ein verstärkter Direktvertrieb an Landwirte, Einzelhändler oder  Start-ups, die VIF-Anlagen betreiben. Außerdem könnten Unternehmen der Agrochemie ihre aktuelle Markposition nutzen, um künftig einzelne VIF-Supply-Chains oder ganze Indoor-Netzwerke zu organisieren. Es bieten sich viele Chancen – aber wer nicht jetzt die Potenziale prüft, verpasst den Anschluss.

Götz Erhardt

Senior Managing Director – Strategy & Consulting, Resources, Europe

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