February 01, 2019
Energieversorger - das Machen macht aktuell den Unterschied
von: Tobias Gehlhaar

„Wir digitalisieren uns“ … und das bedeutet für die Energiebranche eine riesige Veränderung: In diesem Geschäftsfeld wird alles digital werden. Das betrifft jeden einzelnen Prozess, jeden Service und jedes Geschäftsmodell. Unternehmen der Branche sind gefordert – und stehen vor der Frage, wo und wie man sich fokussieren soll.

Suche nach dem richtigen Ansatz – und dem eigentlichen Problem

Viele Energieversorger sind in der Pilotierungsphase was das Thema „Digitalisierung“ angeht. Sie stoßen Projekte an, gründen Digitaleinheiten und tasten sich durch kontinuierliches Lernen voran. Hier beginnen sie oft mit „neuen“ Themen. Das ist verständlich, weil die Vorhaben damit zunächst beherrschbarer und „schneller“ wirken. Aber, Aufwand und Investment wären manchmal besser in Kernbereichen/-prozessen investiert. Es ist kaum möglich, in allen Bereichen auf gleichem Level mitzuspielen. Unternehmen sollten sich klar darüber werden, wo sie mit ihrem Investment auch den größten geschäftlichen Hebel erwarten können.

Dabei ist der entscheidende Aspekt, wie sich die nötigen Fähigkeiten im Unternehmen aufbauen lassen, um bei der Digitalisierung nachhaltig voranzukommen. Das Fehlen von Mitarbeitern und Führungskräften mit den richtigen Skills wird zunehmend das eigentliche Problem bei der Umsetzung des digitalen Wandels bzw. ist es schon.

Die entscheidenden Fragen lauten doch: Welche Fähigkeiten brauche ich wirklich, wie lerne ich schnell und welche Partner brauche ich, um bei der Digitalisierung nachhaltig voranzukommen?

Die Unternehmen stehen natürlich auch unter einem finanziellen Druck, mit den Investitionen in Digitalisierung auch tatsächlich Geld zu verdienen bzw. einzusparen. Das Netzgeschäft ist ein gutes Beispiel. In einer globalen Studie haben wir jüngst Führungskräfte bei Versorgern gefragt, wie sich ihre Ertragslage in diesem Geschäftsbereich langfristig verändern wird. Dabei sagte uns eine große Mehrheit, dass sie ab 2025 mit steigenden Erträgen rechneten. Sie begründeten das unter anderem damit, dass sich schlankere Geschäftsprozesse und intelligente Netztechnologien dann deutlich bemerkbar machen würden. Was ich aber noch viel spannender finde: 43 Prozent der Befragten sagten uns, dass sie rund um die Stromübertragung mit neuen Umsatzquellen rechnen, die es heute noch nicht gibt und die durch digitale Technologien möglich werden. All das zeigt, die Erkenntnis ist da, dass sich etwas ändern wird – die Frage ist nun: Wie kann man es im konkreten Unternehmen Wirklichkeit werden lassen?

Es gibt leider nicht den einen richtigen Weg. Denn viel hängt von einigen Kernfragen ab:

  • Wie viel Mobilisierung, Mut und Kraft kann ich als Unternehmen für eine konsequente Umsetzung aufbringen?

  • Was für ein Unternehmen will ich zukünftig sein und wo liegen wirklich meine ausbaubaren Stärken, wie viel Veränderung kann ich (alleine) schaffen?

Denn, in der zukünftigen Energiewelt ist das Bild des breit aufgestellten Alleskönners nicht mehr unbedingt realistisch. Für Energieversorger, die heute vor allem in der Energieerzeugung stark aufgestellt sind, ist etwa die Diversifizierung der Energiequellen und der Ausbau von Speicherkapazitäten ein denkbarer Weg in die Zukunft. Wer sich bisher hingegen stark auf das Netzgeschäft konzentriert hat, wird in einem intelligenten Netz künftig zu mehr als einem reinen Infrastruktur-Provider, er kann auch neue Services rund um Metering, Flexibilitätsvermarktung und Micro Grids aufbauen. Wer hingegen im Privatkundengeschäft und Vertrieb gut aufgestellt ist, wird diese Stärke nutzen, um weitere Dienstleistungen und Produkte anzubieten, um in die Vernetzung von Gebäuden sowie Mobilität zu investieren, und um digitale Plattformen für Endverbraucher aufzubauen.

Die Vorgehensweise ist immer dieselbe: Die Stärken von heute konsequent ausbauen, um auch in Zukunft stark zu sein. Dennoch, jeder einzelne der skizzierten Wege stellt eine große Herausforderung dar. Entscheidend für echte Differenzierung ist aktuell weniger, neue Ideen zu entwickeln, denn dort sind viele Marktmöglichkeiten, Themenfelder und Ansätze bereits ausgelotet und damit sehr vergleichbar zwischen den Unternehmen. Aktuell sehen wir die Hauptdifferenzierung eher über die „Fähigkeit“ zum nachhaltigen Machen und konsequenten Umsetzen.

Und dies ist aus unserer Sicht kein ausschließliches Phänomen der Energiebranche, sondern durchaus ein industrieübergreifendes.

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