Es ist daher von enormer Bedeutung für Händler, die heute schon Multichannelhandel betreiben oder dies vorhaben, dass sie die spezifischen Anforderungen ihrer Kunden im Hinblick auf die Kanalintegration verstehen, um Multichannel-Leistungen gezielt gestalten zu können. In manchen Fällen mag letztendlich auch die richtige Entscheidung sein, auf Multichannel zu verzichten.
Verwendete Definition für Multichannel u m satz in dieser Studie: Multichannelumsätze sind Umsätze, bei denen der Kunde den eigentlichen Kauf durch vorherige Aktivitäten in einem anderen Kanal vorbereitet hat.
2. Multichannel-Käuferverhalten in Deutschland
In der vorliegenden Studie haben Accenture und GfK das aktuelle Multichannel-Marktumfeld in Deutschland untersucht. Die Analyse basiert auf dem GfK-Universalpanel, in dem kontinuierlich alle Non-Food-Einkäufe deutscher Haushalte auf Sortimentsebene erfasst und quartalsweise-halbjährlich ausgewertet werden. Der Fokus liegt dabei auf den Multichannel-Präferenzen verschiedener Käufergruppen sowie den Unterschieden in Bezug auf wesentliche Warengruppen im Non-Food-Bereich.
Grundlage der Studie ist die GfK-Lebenswelten-Systematik, anhand derer die deutsche Bevölkerung in Bezug auf Lebenszyklusphasen und soziale Schichten gegliedert wird. Diese Systematik versetzt Händler in die Lage, die jeweils fokussierten Kundengruppen bzw. Lebenswelten mit gezielten Angeboten und Services zu versorgen und somit tatsächlichen Mehrwert für den Kunden zu schaffen. Dies gilt gleichermaßen für die Sortimentsgestaltung wie für die Kanalausrichtung und Multichannel-Integration.
Betrachtet man die Multichannel-Umsätze jeweils nach Lebenswelt, so wird deutlich, dass das Thema des kanalübergreifenden Kaufverhaltens heute noch eine Domäne der jüngeren Generationen ist, bis hinein in jüngere Familien aus der Mittel- und Arbeiterschicht. Bemerkenswert ist dabei, dass die Multichannel-Umsätze fast linear mit zunehmendem Alter und damit abnehmender Interneterfahrung sinken.
Während in der jüngsten Lebenswelt der „Studierenden-Azubis“ bereits 22 Prozent aller Non-Food-Umsätze kanalübergreifend erzielt werden und nur noch 66 Prozent dem reinen Stationärhandel vorbehalten bleiben, ist der reine Stationärhandel für 95 Prozent der Lebens w elt „Alleinstehende Ältere“ aus der Mittelschicht der alleinige Bezugskanal.
Es ist davon auszugehen, dass die heutigen jungen „Multichannel-Enthusiasten“ dieses Verhalten auch in Zukunft beibehalten werden, da die einmal erworbene Multichannel-Kompetenz und das Wissen um die Vorteile für spätere Phasen des Lebenszyklus in gleicher Weise zutreffen. Demnach muss für die Zukunft mit einem beträchtlichen Anstieg der Multichannel-Umsätze in allen Lebenswelten gerechnet werden, sodass auch die Gruppen der heute noch „selektiven“ Nutzer sowie der „unerfahrenen“ Älteren auf das Niveau der jüngeren Lebenswelten aufschließen werden.
Dabei darf dennoch nicht verkannt werden, dass sich die Erwartungen und Ansprüche dieser Lebenswelten in Bezug auf den Multichannel-Handel unterscheiden und definitiv auch in Zukunft weiter unterscheiden werden. So mag beispielsweise für die Gruppe der „Aufsteiger-Singles-DINKS“ ein Multichannel-Vorteil darin bestehen, in stationären Filialen nicht standardmäßig vorrätige Markensortimente vorzubestellen, um sie vor Ort anzuprobieren. Für junge Familien steht unter Umständen eher die Beratung vor dem Internetkauf von Spielwaren im Vordergrund, während sich ältere Lebenswelten gerne den Weg in die Filiale ersparen, aber dennoch die Gewissheit schätzen, z. B. bei Rückfragen und Reklamationen einen persönlichen Service in der Filiale nutzen zu können.
Diese Liste an Beispielen ließe sich beliebig fortsetzen. Für das einzelne Handelsunternehmen ist es dabei von entscheidender Bedeutung, zu verstehen, welche Ansprüche die eigenen Kundensegmente haben und welche Multichannel-Vorteile für diese einen wirklichen Mehrwert bringen. Bei Elektroniksortimenten zeigt sich, dass Waren, bei denen sich der Kunde vor dem Kauf im anderen Kanal informiert hat, höherwertig sind, was sich am jeweiligen Preisindex ablesen lässt. So liegt der Durchschnittspreis von Käufen im Stationärhandel, bei denen sich der Kunde zuvor online informiert hat, 16 Prozent höher als bei reinen Stationärkäufen.
Vergleicht man reine Onlinekäufe mit solchen, bei denen der Kunde sich zuvor im Stationärhandel informiert hat, ist die Differenz mit 124 Prozent sogar noch deutlich höher. Dies zeigt, dass Kunden gerade bei höherpreisigen Produkten zusätzliche Beratungsleistungen, Demonstrationen sowie das Vor-Ort-Einkaufserlebnis in starkem Maße wertschätzen, auch wenn sie den eigentlichen Kauf bequem im Internet abwickeln möchten.
Zum Leidwesen eines beträchtlichen Teils der Händler in Deutschland ist mit diesem Kanalwechsel dann auch ein Wechsel des Anbieters verbunden, da der Kunde zum einen oft gar keine andere Möglichkeit hat, wenn er im jeweils anderen Kanal kaufen möchte. Zum anderen bekommt der Kunde sehr selten ein wirklich integriertes Einkaufserlebnis geboten, das ihn nahtlos von einem in den anderen Kanal überleitet. Somit besteht gerade bei Kunden höherwertiger Sortimente eine große Gefahr, diese beim Sprung über die Kanalgrenze an Wettbewerber zu verlieren.
Die klaren Multichannel-Stars unter den Non-Food-Warengruppen sind solche, die auch im E-Commerce eine führende Rolle einnehmen. Hierzu gehört insbesondere der Elektronikbereich (19 Prozent Multichannel-Umsatz) mit Warengruppen wie beispielsweise Unterhaltungselektronik, Computer-Software und Foto.
Dies ist im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass in diesen Warengruppen mit einer hohen Onlinenutzung bereits eine fruchtbare Grundlage für den Multi channel-Handel gelegt ist. Kunden können fast alle Elektronikartikel, die stationär erhältlich sind, auch problemlos online kaufen und haben dabei auch noch die Wahl zwischen verschiedensten Anbietern. Es bestehen also ideale Voraussetzungen für den Sprung von Kanal zu Kanal, aber damit in den meisten Fällen auch von Anbieter zu Anbieter.
Multichannel bietet gerade im Elektronikbereich einen besonderen Mehrwert für den Kunden, da komplexe Produkte wie Digitalkameras, TV-Geräte und Computer es besonders attraktiv machen, die persönliche Beratung im Geschäft mit dem bequemen Onlinekauf zu kombinieren und dabei noch die Sicherheit zu haben, dass im Zweifelsfall immer ein Berater im Stationärhandel bereitsteht, der Fragen beantworten und Probleme lösen kann.