Christian Muhr (CM): Am Anfang des Abenteuers artstripe vor 8 Jahren stand die Anforderung, dem neugestalteten Büro von Accenture im Wiener Börsegebäude eine unverwechselbare Identität zu geben. Der Großteil der Accenture Mitarbeiter ist ständig unterwegs und benutzt verschiedene Büros an unterschiedlichen Standorten. Da kann es schon passieren, dass sie manchmal nicht mehr so genau wissen, wo sie sich gerade befinden. Für diese modernen Nomaden, aber auch für die Gäste des Hauses sollte nicht zuletzt der markante artstripe signalisieren, dass sie sich in Wien befinden, einer Stadt in der traditionell und aktuell Kunst und Kultur eine wichtige Rolle spielen. Inwieweit trägt der artstripe zur Unverkennbarkeit des Vienna Office bei, gerade vor dem Hintergrund, dass die Architektur des Büros eine ausgesprochen internationale Sprache spricht?
Klaus Malle (KM): Wenn wir an das Jahr 2000 zurückdenken, dann erinnern wir uns, dass die Idee zum artstripe damals unmittelbar aus der Architektur resultierte. Der artstripe war sowohl eine Antwort auf die schwierige Bespielbarkeit des ganzen Raumes, als auch die geeignete Maßnahme, um die Qualitäten der Architektur und des Standorts zu unterstreichen. Das ist uns zwar gut gelungen, aber dieser Effekt wäre vermutlich verpufft, wenn wir den „artstripe no. 1“ über acht Jahre behalten hätten. Durch den jährlichen Austausch wird seine Wirkung in jeder Hinsicht frisch gehalten, weshalb der artstripe mehr als jedes andere Element zum Identifikationsmerkmal für unser Büro geworden ist. Und zwar sowohl für die Mitarbeiter als auch für die Gäste, die glücklicherweise sehr häufig hierher kommen und die wechselnden Gestaltungen des artstripe genießen.
CM: Können Sie diese Wirkung an den Reaktionen ablesen?
KM: Ja. Es gibt natürlich Unterschiede in der Wahrnehmung, aber der artstripe an sich wird immer wahrgenommen - entweder als Teil der Architektur oder als schlüssige Ergänzung dazu. Unabhängig von der Kunstsinnigkeit der Betrachter, hat sich der artstripe als hervorragendes Medium erwiesen, um mit den unterschiedlichsten Leuten ins Gespräch zu kommen. Dieser soziale, quasi informelle Faktor ist wichtig gerade in einem Büro, dessen sonstige Abläufe sehr zielorientiert angelegt sind.
Sabine Dreher (SD): Verstärkt die Größe des Formates die Möglichkeit die Menschen zu erreichen? Gibt es eine Relation zwischen den Dimensionen, der zentralen Art der Präsentation und der Reichweite?
KM: Sicher liegt ein Teil der Besonderheit des artstripe auch in seiner Dimension und enormen physischen Präsenz begründet. Wäre der artstripe ein kleiner Streifen, der sich an einer beliebigen Stelle im Büro platzieren ließe, dann hätte er sicherlich nicht diese Wirkung. Es ist ja im Gegenteil immer wieder frappierend, wie stark jeder artstripe in der Lage ist, die Atmosphäre im gesamten Büro zu verändern.
SD: Als Kuratoren der Reihe schlagen wir jedes Jahr künstlerische Positionen vor, die uns für diese spezielle Aufgabe, aber auch im Blick auf die Stimmigkeit der gesamten Serie besonders geeignet erscheinen. Wir präsentieren unsere Vorschläge einem Gremium, das aus den Partnern des Wiener Büros besteht. Am Ende der meist intensiv und nicht selten auch kontrovers geführten Diskussionen wird dann eine Künstlerin oder ein Künstler beauftragt, einen Entwurf zu entwickeln, der dann wiederum diskutiert wird. Wie sind die Erfahrungen mit diesem Selektionsverfahren, bei dem sich der Auftraggeber ja auch selbst ungewöhnlich stark exponiert?
KM: Es war für uns von Anfang an sehr wichtig, in den Prozess eng eingebunden zu sein. Wir könnten das Verfahren ja auch auslagern und die Entscheidung, welches Kunstwerk ein Jahr lang das Büro repräsentieren wird, den Kuratoren überlassen. Wir genießen den Prozess der Künstlerauswahl sehr, weil diese direkte Beteiligung auch der Identifikation mit dem Projekt dient. Im privaten Leben sagt man ja auch nicht zu einem Dritten: „Such ein Kunstwerk für mich aus! “, das ich gerne in meiner Sammlung hätte. Im Gegenteil: Man beginnt, sich für Kunst zu interessieren und über die Beschäftigung damit entsteht eine Form von Identifikation, die große Freude bereitet. Beim artstripe ist es ganz ähnlich, mit dem schönen Nebeneffekt, dass wir diesen Prozess einmal im Jahr mitmachen dürfen.